Aktuelle Ausgabe 02/2018

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Reiche Länder wie Deutschland müssen ihre Agrarimporte reduzieren und mehr in den eigenen Produktivitätsfortschritt investieren. Die Züchtung leistungsfähigerer Sorten erfordert mehr Investitionen in die private und öffentliche Forschung und Entwicklung. Doch genau da hapert es in Deutschland, wie eine aktuelle Studie* belegt. praxisnah sprach mit einem der beiden Autoren, Prof. Dr. Harald von Witzke, Humboldt-Universität zu Berlin.

Prof. Dr. von Witzke, in Ihrer Studie sprechen Sie vom Ende der landwirtschaftlichen Tretmühle
Ja, in der Tat! Der mehr als hundert Jahre andauernde Trend sinkender Agrarpreise ist zu Ende. Die Jahrtausendwende markiert eine Megatrendwende, Landwirtschaft ist nicht länger ein schrumpfendes Gewerbe, sondern ein prosperierender Wirtschaftsbereich. Die Preise aller wichtigen Agrargüter sind gestiegen und sie werden auch in der Zukunft höher sein als in der Vergangenheit. Deutschland kann an dieser Entwicklung umso mehr teilhaben, je höher die Produktivitätssteigerung ist. Der wichtigste Schlüssel hierzu sind steigende Investitionen für Forschung und Entwicklung im Bereich Pflanzenzüchtung!

Europas Agrarwirtschaft ist doch bereits sehr produktiv. Ist es nicht wichtiger, die Erträge in den Entwicklungs- und Schwellenländern zu steigern?
Selbst bei sehr optimistischer Schätzung werden die armen Länder der Welt in den kommenden Jahrzehnten nicht annähernd in der Lage sein, ihren rasch wachsenden Bedarf aus eigener Produktion zu decken. Diese Nahrungslücke wird sich nur dann schließen lassen, wenn auch die reichen Länder mehr produzieren und wieder exportieren. Dabei wäre schon viel gewonnen, wenn wir unsere gewaltigen Nettoimporte an Agrarprodukten deutlich einschränken könnten, damit nicht in anderen Teilen der Welt Agrarprodukte für uns produziert werden müssen.

Die Erträge sind doch weltweit bereits enorm gestiegen!
Das enorme Produktionswachstum der Weltlandwirtschaft in den letzten 50 Jahren war zu 80 % das Resultat von Produktivitätssteigerungen, lediglich 20 % gingen auf das Konto der Flächenausdehnung. Das hat sich jedoch geändert. Nach der Grünen Revolution der 1960er und 1970er Jahre gingen die weltweiten Ertragssteigerungen bis heute immer mehr zurück. Von 1960 an stiegen die Erträge zunächst ca. 30 Jahre lang weltweit um etwa 4 % jährlich. Diese Steigerung ist nunmehr bei wichtigen Ackerkulturen und vor allem in entwickelten Ländern auf nur noch ca. 1 % pro Jahr zurückgegangen, in der EU sogar auf nur noch 0,6 %. Zukünftig muss die Landwirtschaft wieder stärker auf Produktivitätswachstum setzen. Nur so wird es gelingen, den rasch wachsenden Bedarf der Menschheit an Nahrungsmitteln und landwirtschaftlichen Rohstoffen zu decken und der Unterernährung zu begegnen. Dies funktioniert nur, wenn die Forschung und Entwicklung stärker als bisher auf Produktivitätsfortschritt abzielt!

Warum wird die Forschung hinsichtlich höherer Erträge vernachlässigt?
Grundlegend verantwortlich dafür sind gesellschaftliche Fehlinterpretationen, vor allem auch zur Rolle der Pflanzenzüchtung in einem globalen und gesamtwirtschaftlichen Kontext. Nicht nur deren Wert für die Volkswirtschaft in Form von sozialen Wohlfahrtsbeiträgen wird unterschätzt und nicht ausreichend gewürdigt. Auch die Bedeutung hoher Erträge sowohl für ausreichende und hochwertige Nahrungsmittel als auch für den Klima- und Ressourcenschutz werden allzu oft vernachlässigt.

* Die ausführliche Studie können Sie auch
im Internet nachlesen unter:
www.hffa.info/index.php/news/archive/2013/
prof.-von-witzke-on-food-speculations-.html

Ist der Bereich Pflanzenzüchtung vielleicht zu klein, um ausreichend wahrgenommen zu werden?
Das denke ich nicht. Im Bereich der privaten Pflanzenzüchtung sind in Deutschland 60 Unternehmen mit Zuchtprogrammen zu einzelnen oder auch mehreren Kulturarten aktiv. Diese Unternehmen sind überwiegend mittelständisch geprägt und beschäftigen derzeit mehr als 3.300 Arbeitskräfte allein im Bereich Forschung und Entwicklung (FuE). Die deutsche private Pflanzenzüchtung ist sehr forschungsintensiv. Der Anteil der FuE-Investitionen am Umsatz liegt seit vielen Jahren bei über 16 % und ist damit deutlich höher als in anderen Vorleistungsbranchen der Landwirtschaft.

Inanspruchnahme zusätzlicher Flächen ohne Pflanzenzüchtung
Inanspruchnahme zusätzlicher Flächen ohne Pflanzenzüchtung
Sie sprachen von den „sozialen Wohlfahrtsbeiträgen“ der Pflanzenzüchtung, das müssen Sie uns näher erklären!
Dieser Begriff aus der Agrarökonomie zielt sozusagen auf den „Einkommenseffekt“ für die Gesellschaft, sowohl auf der Erzeuger- wie auch auf der Verbraucherseite. Die Innovation unserer Studie besteht darin, dass wir die Klimaeffekte einer Produktivitätssteigerung ebenfalls quantifiziert und ökonomisch bewertet haben. Konkret lag der soziale Wohlfahrtsgewinn durch Zuchtfortschritt in Deutschland 1991–2010 im Bereich von etwa 11 bis 15,5 Mrd. EUR, je nach Bewertungsansatz. Dabei entspricht die höhere Produktivität einer Flächeneinsparung von ca. 1–1,5 Mio. Hektar. Dies wiederum erspart Treibhausgasemissionen zwischen ca. 160 bis 230 Mio. Tonnen CO2, die – abgeleitet aus den Preisen für Emissionszertifikaten – mit etwa zwei bis drei Mrd. Euro zu bewerten sind.

1,5 Mio. Hektar Flächeneinsparung durch Pflanzenzüchtung! Ist das nicht lediglich eine theoretische Größe?
Keineswegs! Wären z.B. allein bei Raps Forschung und Entwicklung in den letzten 20 Jahren unterblieben, dann hätten bei gleichem Bedarf in anderen Teilen der Welt zusätzlich wenigstens 250.000 ha neu kultiviert werden müssen. Hierbei unterstellen wir bei Raps einen FuE-Anteil von 50 % an der Faktorproduktivität**. Wären Forschung und Entwicklung bei allen untersuchten Kulturarten unterlassen worden und hätte die Pflanzenzüchtung einen Anteil von 75 % an der Faktorproduktivität, dann müssten mehr als 1,5 Mio. Hektar weltweit zusätzlich zur Verfügung gestellt werden. Das ist nahezu die gesamte Ackerfläche Niedersachsens!

Mehr als 16 % des Umsatzes investieren private Pflanzenzuchtunternehmen in Deutschland in die Forschung und Entwicklung.
Mehr als 16 % des Umsatzes investieren private Pflanzenzuchtunternehmen in Deutschland in die Forschung und Entwicklung.
Sie werben für mehr Forschung und Entwicklung mit der Zielrichtung Produktivitätsfortschritt, wo sind die Defizite?
Einerseits sind die Voraussetzungen für technologische Innovationen gut: Unternehmen der Vorleistungskette erkennen die Trends, haben entwicklungsfähige Ideen, qualifiziertes Personal und moderne Technologien. Andererseits nehmen die Investitionen in die öffentliche Agrarforschung ab – insbesondere solche, die auf eine Steigerung der Produktivität ausgerichtet sind. Gleichzeitig verschlechtern sich auch für die private Agrarforschung die politischen Rahmenbedingungen. Es besteht die Gefahr, dass sich innovative Unternehmen mittel- und langfristig thematisch und regional umorientieren. In diesem Zusammenhang darf nicht verschwiegen werden, dass die öffentliche und hoch emotional geführte Diskussion um die Nutzung der Grünen Gentechnik weitreichende Konsequenzen für die Innovationskraft Deutschlands und Europas hat.

Wie können Landwirte dazu beitragen, die Züchtung leistungsfähigerer Sorten zu intensivieren?
Ein aktuelles Beispiel ist der Konflikt um die Nachbauregelung. Kurzfristig mag das Verhalten derer, die sich diesem System entziehen, betriebswirtschaftlich zweckmäßig erscheinen. Langfristig sind die Auswirkungen jedoch fatal. Denn die Nachbaugebühr ist neben der Lizenzgebühr für zertifiziertes Saatgut die Entlohnung für züchterische Innovationen. Ohne diese sinken die Anreize zu Investitionen, die Ertragsfortschritte in den betroffenen Fruchtarten werden weiter begrenzt. Nicht nur die Wettbewerbsposition der Züchter, sondern im nächsten Schritt auch die der deutschen Landwirte wird dadurch geschwächt.

Die Forderungen an die Politik, die sich aus unserer Untersuchung ableiten lassen, liegen auf der Hand. Der Abbau der öffentlichen Agrarforschung in Bund und Ländern ist rückgängig zu machen. Für die private Forschung und Pflanzenzüchtung sind die gesellschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen zu verbessern. Dafür ist es entscheidend, dass die Eigentumsrechte der Züchter durch einen effektiven Sortenschutz gestärkt werden. Dies schließt im Besonderen auch die Nachbaugebühren ein, für die ein praktikabler Weg der Erhebung erforderlich ist.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führten Sven Böse und Dr. Anke Boenisch

 

*Steffen Noleppa und Harald von Witzke: „Die gesellschaftliche Bedeutung der Pflanzenzüchtung in Deutschland – Einfluss auf soziale Wohlfahrt, Ernährungssicherung, Klima- und Ressourcenschutz“ (Humboldt Forum for Food and Agriculture e.V.)
**Auch Totale Faktorproduktivität (TFP): Der Ertragszuwachs, der durch Innovation und nicht durch Intensivierung generiert wird.

Stand: 10.10.2013