Aktuelle Ausgabe 04/2018

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Hafervermarktung ist nicht immer einfach, zumal sich der Markt für Hafer grundsätzlich von den Märkten der anderen Getreide unterscheidet und auch spezielle Anforderungen an das Produkt stellt. Wir stellen drei Marktteilnehmer vor, die erfolgreich mit Hafer Geld verdienen.

Pferdehafer: Raiffeisen Emscher-Lippe
Hafer für das Sportpferd

Rund 600 Landwirte aus dem Ruhrgebiet und Umgebung bilden die Raiffeisen Emscher-Lippe eG. Diese Lage in einer der größten Industrieregionen Deutschlands schafft ein für Unternehmen der Agrarbranche eher ungewöhnliches Umfeld – mit eigenen Märkten. praxisnah sprach mit Werner Ovelhey, Leitung landwirtschaftliche Waren, über die erfolgreiche Hafervermarktung in dieser Region.

Werner Ovelhey, Leitung landwirtschaftliche Waren
Werner Ovelhey, Leitung landwirtschaftliche Waren
Herr Ovelhey, nicht nur die Bevölkerungsdichte ist in Ihrem Einzugsgebiet hoch, sondern auch die Pferdedichte...
Stimmt, und damit war für uns klar: Wir ziehen eine Vermarktungsschiene für die Pferdehalter auf, die an das Produkt Hafer ganz spezielle Anforderungen haben. In den letzten Jahren haben wir gezielt Landwirte gewinnen können, die hier Qualitätshafer für uns produzieren.

Das heißt, dass Sie mit den Landwirten auch spezielle Sorten absprechen, um die gewünschten Qualitäten zu erzielen?
Genau, eine Sortenvorgabe ist hier schon sehr wichtig. Wir setzen auf Nelson, Aragon und – neu – auf Ivory. Ivory bewährt sich qualitativ vorrangig auf den etwas besseren Standorte, Nelson und Aragon dagegen eher auf den schwächeren.

Was genau heißt denn Qualität? Welche Anforderungen stellen Sie an den Hafer?
Unteres Limit bei der Erfassung sind 50 – 52 kg hl Gewicht. Wir empfehlen den Landwirten ausschließlich Sorten mit hoher TK-Masse sowie niedrigem Schalenanteil. Dabei spielt es keine Rolle, ob Gelb- oder Weißhafer. Besonders haben uns in diesem Jahr die Qualitäten von Ivory gefallen.

Und welche Bedeutung hat bei Ihnen Schwarzhafer?
Eine sehr große: Der Schwarzhafer Auteuil wird von uns gezielt für Spezialmischungen eingesetzt. Unsere Kunden schätzen besonders den Futterwert dieser Spezialmischungen. Die Sorte Auteuil kommt mit unserer Witterung auch auf leichteren Böden sehr gut zurecht und erreicht stabile Erträge und Qualitäten.


Industriehafer: Lippe Agrar
Hafer sicher in den Lebensmittelbereich vermarkten

Die Lippe Agrar Handelsgesellschaft mbH in Lemgo blickt bereits auf eine 150jährige Tradition zurück. Im Kreis Lippe überwiegen die Marktfruchtbetriebe. Der Hafer steht vor allem in Zuckerrübenfruchtfolgen vor der Blattfrucht.
Das Unternehmen vermarktet seit Jahrzehnten erfolgreich regional produzierten Hafer. Geschäftsführer Andreas Schmuck erläutert in einem Gespräch mit praxisnah, warum sich der Anbau dieser Kultur seiner Ansicht nach für die Landwirte lohnt.

Axel Kroos, Verkaufsberater und Geschäftsführer Andreas Schmuck (r) von der Lippe Agrar.
Axel Kroos, Verkaufsberater und Geschäftsführer Andreas Schmuck (r) von der Lippe Agrar.
Herr Schmuck, wohin wird der Hafer vermarktet?
Unser Hafer geht fast ausschließlich an Schälmühlen, da die Vermarktung als Pferdehafer zzt. nicht in unser logistisches Konzept passt.

Wie können Sie den hohen Qualitätsansprüchen für die Verwertung im Lebensmittelbereich gerecht werden?
Von unseren Kunden wird ein hohes hl-Gewicht, ein hoher Kernanteil und eine Feuchte von max. 14% gefordert. Zwiewuchs darf genauso wenig vorhanden sein wie Fremdgetreide. Unter den hiesigen Witterungsbedingungen ist die Produktion eines solchen Qualitätshafers ab Feld in der Mehrheit der Jahre nicht selbstverständlich und sehr schwierig. Wir müssen daher fast immer den angelieferten Hafer zunächst aufbereiten. In der Regel werden kleinere Partien unterschiedlicher Sorten angeliefert.
Nach der Aufbereitung lagert er dann bis auf Abruf in speziellen Zellen. Hafer muss sehr sorgfältig gelagert werden, will man ihn gesund erhalten und keine Qualität verschenken.

Ist der Haferanbau im Vergleich zu den anderen Getreidekulturen aus Ihrer Sicht interessant?
Zurzeit zahlen wir einen Basispreis von 9,50 €/dt (Basis 54 hl), das ist im Vergleich schon mal ganz ordentlich. Hinzu kommt, dass ja auch die Produktionskosten im Vergleich zu z.B. Weizen deutlich niedriger zu veranschlagen sind. Außerdem haben wir bisher immer die Vermarktung sicherstellen können und konnten so jede Lieferung annehmen.

Eine hohe Vermarktungssicherheit bei gutem Preis, relativ niedrige Produktionskosten – und dann noch der günstige Fruchtfolgewert: Warum ist Ihrer Ansicht nach der Hafer trotzdem immer noch in der „Stiefkind“-Rolle?
Die Frage kann ich Ihnen nicht beantworten, zumal ich durchaus noch Vermarktungskapazitäten sehen würde. Dazu wären aber sortenreine Partien wünschenswert, die am besten im Vertragsanbau produziert würden. Zurzeit beziehen Schälmühlen solche Partien aus Skandinavien, wo Haferanbau einen viel höheren Stellenwert als in Deutschland besitzt und der Markt auch berechenbarer ist. Dort entwickelt sich die Sorte IVORY neben FREDDY auf Grund ihrer stabilen und hohen Qualitäten zu einer der führenden Sorten. IVORY wird auch in Deutschland vermarktet und überzeugt hier in der Summe der Jahre qualitativ ebenfalls.

Wir wären froh, wenn dieser Hafer nicht importiert werden müsste, sondern wir solche sortenreinen Partien in unserer Region beziehen könnten.


Vertragsanbau: Hahne Mühlenwerke
Hafer als Müsli und Co. in die Welt

Die Hahne Mühlenwerke in Löhne vermarkten Cerealien in 75 Länder weltweit. Über 60% der Waren werden exportiert, in Deutschland werden vor allem größere Handelsketten beliefert. In Zukunft will man sich vermehrt national und regional auch unter dem Namen Hahne platzieren. praxisnah sprach mit dem Geschäftsführer Axel Hahne über die Hafervermarktung aus Sicht eines Lebensmittel verarbeitenden Unternehmens.

Hahne Mühlenwerke
Hahne Mühlenwerke
Welche Haferprodukt stellen Sie her?
Müsli und Haferflocken und zunehmend Extruderprodukte. Wir produzieren Waren aus konventionell erzeugtem Hafer und aus biologisch erzeugten Rohwaren.

Welche Anforderungen stellen Sie an den Hafer?
Für beide Produktionsschienen sind gleichmäßige gute Kornbeschaffenheit mit geringem Schalenanteil die wichtigsten Parameter. Das hl-Gewicht ist ein Handels-Kriterium, kann aber hinsichtlich der technologischen Verarbeitungsfähigkeit nur ein grober Richtwert sein. Die erforderlichen gleichmäßigen Qualitäten sind in Deutschland in der Regel sehr schwer zu bekommen, weil schon der Handel keine einheitlichen Sortenpartien erhält.

Axel Hahne, Geschäftsführer der Hahne Mühlenwerke
Axel Hahne, Geschäftsführer der Hahne Mühlenwerke
Heißt das Sie wünschen sich sortenreine deutsche Haferpartien?
Für uns wäre es tatsächlich besser, wenn wir große sortenreine Partien bekämen. In der Bioschiene haben wir daher regional Anbauverträge abgeschlossen, weil bestimmte Sorten einfach qualitätsstabiler sind als andere.
In guten Jahren, so wie 2004, haben wir überwiegend Hafer aus Deutschland bezogen, weil die Qualitäten in Ordnung waren. Aber das war eine Ausnahme – normalerweise müssen wir auch aus anderen Ländern wie z.B. Finnland, Schweden oder Großbritannien zukaufen.

Könnten Sie sich als Lösung Hafer-Vertragsanbau vorstellen?
Vertragsanbau ist grundsätzlich denkbar, lohnt aber nur für größere Mengen, denn das muss gut organisiert werden. Aber richtig durchdacht ist das für alle Beteiligten sehr lohnend. Schon aus logistischen Gründen ist deutscher Hafer sehr interessant. Und die Sorten, die z.B. in Finnland oder Schweden angebaut werden, könnte man auch hier anbauen. Dort ist z.B. die Sorte Ivory auf Grund der Qualitäten und Ertragsleistungen auf dem Vormarsch.
Also vorstellen könnte ich mir Vertragsanbau schon, aber dann müssten Landwirte, Handel und unser Haus sehr eng zusammenrücken. Ich sehe aber spontan viele Ansätze einer Zusammenarbeit in dieser Richtung.

Die SAATEN-UNION dankt allen Interviewpartnern für die informativen Gespräche.

Dr. Anke Boenisch

Stand: 01.10.2005