Aktuelle Ausgabe 02/2018

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Das Sortenangebot wird immer größer und zunehmend unterschiedlicher im Abreifeverhalten. Gleichzeitig steigen das Wetterrisiko zur Ernte und die Trocknungskosten. Mähdruschexpertin Andrea Feiffer und Sortenfachmann Sven Böse suchen Lösungsvorschläge.

Andrea Feiffer
Andrea Feiffer
Böse: Frau Feiffer, die letzten vier Jahre hatten wir ja meist zur Ernte ergiebige Niederschläge. Am schlimmsten war es im letzten Jahr, als viele Bestände nicht rechtzeitig geerntet werden konnten. Können sich die Landwirte zukünftig besser auf so eine Situation vorbereiten?

Feiffer: Eine gezielte Prozessoptimierung in der Getreideernte ermöglicht es vom Grundsatz her, auch bei ungünstiger Witterung die Ernte reinzuholen. Diese Optimierung fängt schon bei der Sortenwahl mit der Reifestaffelung an. Die Frage ist natürlich: Was macht die Züchtung, achtet sie auf unterschiedliche Reifegruppen? In vielen Fachtagungen zum Klimawandel ist zu hören, das die Sorten früher abreifen müssen. Auf der anderen Seite sind spätreife Sorten doch meist ertragreicher?

Sven Böse
Sven Böse
Wir achten bei der Züchtung nicht allein auf die frühe Abreife. Noch wichtiger ist uns ein frühzeitiger Beginn der generativen Phase, optisch gut festzumachen am Ährenschieben. Die Weizenzüchter der SAATEN-UNION weisen seit vielen Jahren auf den Vorteil einer verlängerten „postfloralen Periode“ hin. Sorten wie Mulan oder auch Akratos reifen mittelfrüh ab, beginnen jedoch vergleichsweise früher mit der Kornfüllung und sichern so auch in trockenen Sommern ein großes, volles Korn.

Wenn ich in der Beschreibenden Sortenliste nachschaue, finde ich die meisten Sorten mit den Reifenoten 4, 5 oder 6 beschrieben. Wie groß sind die Sortenunterschiede, die sich hinter diesen Einstufungen verbergen?

Eine Reifenote entspricht etwa zwei Tagen Unterschied in der Gelbreife, dabei ist jedoch nicht das unterschiedliche Abreifeverhalten des Strohs berücksichtigt, so dass sich die Druschreife insgesamt über eine Woche auseinanderzieht.Frühreife Sorten werden immer wichtiger, allerdings müssen diese oft auch rechtzeitig vom Feld: frühe Weizensorten wegen Auswuchs, frühe Gersten wegen Halm- und Ährenknicken. Welche Erntestrategie bietet sich hier an?

Ist die gesamte Sortenabfolge im Sinne der Erntestaffelung richtig auf den Betrieb bezogen, dann kommt es eigentlich nur noch darauf an, den Druschbeginn des frühesten Schlages zu bestimmen. Die genaueste Methode: Man schneidet Getreidehalme etwa 10 bis 15 cm unter der Ähre, stellt diese in eine rote verdünnte Tinte und beobachtet, ob die rote Flüssigkeit sich möglicherweise noch bis in die Körner bewegt. Ist das nicht mehr der Fall, dann kann man dreschen. In der Regel genügt aber auch der Fingernagel um festzustellen, ob das Getreide druschreif ist.

Eine der wichtigsten Maßnahmen ist die Verlustvorgabe. In vielen Untersuchungen haben wir festgestellt, dass bei gutem Wetter und guter Druschfähigkeit 0,5 % für die volle Leistung ausreichen. 1 % mehr in der Verlustvorgabe bringen bis zu 30 % mehr Leistung. Bitte aber mit Vorsicht: Denn wenn es nass, feucht und früh ist, erreichen Sie damit unter Umständen sogar eine Maschinenverstopfung. Die Verlustvorgabe ist der Tempomacher. Wenn wir alles richtig machen, dann holen wir die frühreifen Sorten mit der höchsten Verlustvorgabe, der besten Mähdreschereinstellung und dem höchsten Erntetempo verlustarm und qualitätsgerecht rein.

Druschoptimierung
Druschoptimierung
Das kann man ja genauer in Ihren Beratungsbroschüren nachlesen.* Jetzt ganz konkret: Ab wann – bei welchem Feuchtegehalt – kann der Drescher frühestens ausrücken?

Auch diese Frage ist betriebsabhängig zu beantworten. Wir wollen möglichst keine Trocknung, denn die Sonnenenergie ist die billigste und beste Trocknung. Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, unnötig feucht zu dreschen, um danach teurer zu trocknen. Das bedeutet nicht, dass man bei sehr schwierigen Witterungsbedingungen und sehr großen Erntegefährdungen nicht schon bei 20 % Kornfeuchte ernten kann. Wenn die Gefahr besteht, dass mir im Bestand die Fallzahlen zusammenbrechen oder die Mytotoxinbelastung steigt, dann muss ich die Kosten für die Trocknung in Kauf nehmen.

Mit Mulan steht jetzt eine Sorte mit zügiger Strohabreife und sehr leichter Kornlösung zur Verfügung, Praktiker sagen, „der drischt wie Wasser“. Auf der anderen Seite haben wir die Weizenhybriden oder den neuen Keksweizen T* – allesamt sehr langlebige vitale Sorten. Wie kann sich der Mähdrescherfahrer auf diese Sortenunterschiede einstellen?

Dazu gehört zunächst die Strohverdrehprobe: Der Mähdrescherfahrer nimmt ein Bündel Halme in beide Hände und verdreht diese. So merkt er sofort, ob sich das Stroh zu einem zähen Strick verwindet oder ob es sich durchaus leicht verdrehen lässt oder dass es sogar bricht. Denn so schwer sich das Stroh verdrehen lässt, so schwer hat es auch die Maschine und danach muss sie eingestellt werden. Auch die Fahrgeschwindigkeit richtet sich danach. Denn ich kann in einem zähen, noch wickelnden Stroh nicht so schnell fahren, wie in einem Stroh das sich „wie Wasser drischt“. Diese Äußerung der Praktiker bezieht sich nicht nur auf die Kornauslösung, sondern auch auf die zügige Strohabreife. Nach der Strohverdrehprobe kommt die Kornauslöseprobe. Dann werden mit unserem Tabellenschieber die optimale Einstellungsdaten auf die Maschine übertragen. Mit der Prüfschale werden die Verluste bestimmt und die elektronische Verlustkontrolle richtig kalibriert. Zusätzlich ist der Gesundheitsstatus zu berücksichtigen. So können fusarienbelastete Körner durch mehr Wind aus der Maschine geblasen werden. Die Getreidemühlen sagen übereinstimmend, dass der Mähdrescher selbst die beste Reinigungsmaschine ist.

Gerade in west- und ostdeutschen Mittelgebirgslagen haben viele Betriebe regelmäßig Abreifeprobleme. Das gilt insbesondere in kühl-feuchten Jahren in intensiv geführten Beständen mit möglichweise auch noch sehr langlebigen Sorten. Die Erträge stimmen, aber auf eine gelungene „Strohverdrehprobe“ müsste man noch Wochen warten. Welche Bedeutung messen Sie in solchen Situationen der Erntesikkation zu – natürlich nur in Konsumbeständen?

Die Vorerntesikkation, zum Beispiel mit Roundup Ultra Max, wird in solchen Fällen häufig in der Praxis angewendet. Der große Vorteil ist, dass wir eben nicht mehr 14 Tage warten müssen ehe der Bestand druschreif ist, sondern das man schon nach etwa 7 bis 10 Tagen ernten kann. Wir können also sagen, dass die Vorerntesikkation immer dann die Entscheidung der Wahl ist, wenn man eindeutig sieht, dass Durchwuchs, verzögerte Abreife, aber auch die Witterung diese Notmaßnahme rechtfertigt.

Ein sikkierter Bestand trocknet dann auch nach Regen schnell ab und lässt sich auch in schwierigen Jahren relativ gut ernten. Dazu gibt es entsprechende Untersuchungen und ökonomische Betrachtungen (Tab. 1).

Sikkation
Sikkation

„Sorge dich nicht um die Ernte, sondern um die richtige Bestellung der Felder“, philosophierte schon Konfuzius vor zweieinhalbtausend Jahren. Danke für dieses Gespräch, Frau Feiffer, auch dafür, dass Sie sich bei der Ernteoptimierung auch um die Sorte „sorgen“!

 

 

 * Wer sich vertiefter mit der Ernteoptimierung beschäftigen möchte, findet in der Broschüre „Mähdrusch bei Ernteerschwernissen“ einen guten Überblick. Praxisnah hat 30 dieser Informationsboschüren bezogen, die Interessenten zugesandt werden.
Stand: 13.06.2008