Aktuelle Ausgabe 04/2018

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Mit immer höheren Korndichten legen wir ein gewaltiges Fundament für Höchsterträge – und am Ende fehlt das Wasser. Sven Böse beschreibt die abfallende Kornausbildung als Ursache stagnierender Getreideerträge und empfiehlt, schon bei der Sortenwahl auf eine stabile Kornausbildung unter Trockenbedingungen zu achten.

Seit zehn Jahren ist über alle Getreidearten keine Ertragssteigerung in der Praxis mehr festzustellen (Friedt und Ahlemeyer 2007), gleichzeitig schwanken die Erträge stärker als in den vergangenen Jahrzehnten. Für eine genauere Analyse dieser Entwicklung wird in den Abb. 1 und 2 die Ertragsstruktur bei Winterweizen in den letzten 21 Jahren untersucht. Die Ergebnisse repräsentieren Mittelwerte aller LSV der Sand-, Lehm-, Hügelland- und Marschstandorte der Landwirtschaftkammer Niedersachsen, also eine Vielzahl von Umwelten und Sorten in der norddeutschen Tiefebene. Die Kurven zeigen im Trend:

  • Stagnierende Erträge seit der Jahrtausendwende, trotz historischer Rekordernten in 2001 und 2004. Auffallend sind zunehmende Ertragsschwankungen zwischen den Jahren. Das Ertragstief 1998 war auf Virusprobleme nach einem milden Winter zurückzuführen, wäre klimatisch also den letzten Jahren zuzuordnen.
  • Deutlich abfallende Einzelkorngewichte. Das TKM streute in den 80er- und 90er-Jahren in einem engen Band um 50 g. Mittlerweile hat die Trendkurve die 45 g-Grenze nach unten durch­brochen – ein Abfall um durchschnittlich 20 %!
  • Die Kornzahl je Ähre stieg drastisch an. Streute diese vor der Jahrtausendwende in dem Bereich zwischen 30 und 37, so wurden in den letzten sechs Jahren mindestens 38, in der Spitze sogar 46 Körner erreicht also etwa ein Viertel mehr. Ähnliches gilt für die Korndichte: Bis Ende der 90er-Jahre waren 18.000 Körner/m² die Regel, heute meist über 20.000 Körner/m²!

Mulan (re) im Vergleich zu spätem Korndichtetyp
Mulan (re) im Vergleich zu spätem Korndichtetyp
Abfallende TKMs auch eine Sortenfrage
Die gestiegene Temperatursumme bis Schossbeginn begünstigt die Bestockung und das Einkürzungspotenzial und ist sicherlich eine Erklärung für die Zunahme der Korndichten. Als weitere Ursache sind aber auch Verschiebungen im Sortenspektrum anzusprechen: In den 80er- und 90er-Jahren bestimmten kontinentale, großkörnige Sortentypen wie Okapi, Kanzler, Ares, Astron und schließlich die Gruppe Batis/Pegassos das Sortiment. Seit dem Jahrtausendwechsel wurden diese im Norden zunehmend abgelöst durch Sorten vom Typ Ritmo, Biscay, Drifter, Skater, Dekan und Tommi – überwiegend Sorten mit englischer Halbzwerggenetik und damit verbunden sehr starker Einkörnung. Die typische Schwächen der Kurzstrohsorten – Frostempfindlichkeit, Fusarium und Septoria – sind mittlerweile züchterisch überwunden. Dichtbekörnte, ertragsstarke Sorten bestimmen deshalb heute auch bundesweit das Sortenspektrum.
Die höheren Korndichten und die abfallende Kornausbildung der letzten Jahre ist also nicht allein mit wärmeren Wintern und trockeneren Sommern zu erklären, sondern auch mit der labileren Kornausbildung des vorherrschenden Weizensortiments. Denn die Kornanlagen („sink“) beginnen etwa zwei Wochen nach der Blüte heftig um die Assimilate („source“) zu konkurrieren. Weizenbestände mit sehr hoher Korndichte fallen deshalb bei Frühsommertrockenheit im TKM ab. Insbesondere die seitlichen Kornpositionen verkümmern.
Jahrestrend: Ertragskomponenten
Jahrestrend: Ertragskomponenten

Sink-Source-Beziehungen auf den Prüfstand
Um die Erträge über eine bessere Kornausbildung zu stabilisieren, sind die Ertragsanlagen enger mit dem Einlagerungspotenzial zur Kornfüllung abzustimmen. Nach milden Wintern darf nicht zu viel unproduktive Blattmasse die Böden leersaugen. Um diesem Ideal nahe zu kommen, sollte eine Sorte zwar winterfest sein, darf sich andererseits in einem milden Winter nicht überwachsen. Außerdem sollte die Kornfüllung nach frühem Ährenschieben zeitig einsetzen: So ist über eine verlängerte „postflorale Periode“ eine gute Kornausbildung sichergestellt. Eine der 145 eingetragenen Weizensorten entspricht den Anforderungen nach einem frühen Ährenschieben überdurchschnittlicher Kornausbildung und hohem Ertrag – Mulan!
Diese frühe, winterharte, großkörnige Sorte ist mittlerweile in 17 europäischen Ländern geprüft, lediglich die sehr wintermilden Anbaulagen Westeuropas scheiden mangels ausreichender Vernalisation vom Anbau aus. Mittelhohe Korndichten je m² resultieren bei diesem Sortentyp aus einer um 10-15 % höheren Bestandesdichte bei knapp mittlerer Kornzahl je Ähre. Damit wird einerseits das Ertragspotenzial früh fixiert, anderseits das Einzelkorn zuverlässiger mit Assimilaten versorgt.
„Ich kann nicht Spitzenerträge in jedem Jahr garantieren, dafür aber sehr sichere Leistungen“, so Mulan-Züchter Dr. Ralf Schachschneider 2005. Dass Mulan nun doch seit zwei Jahren der er­tragsstärkste B-Weizen in den deutschen LSV ist, dürfte im Nachhinein betrachtet allerdings kaum überraschen, Stressphasen gab es schließlich genug.

Kornertrag Korndichte
Kornertrag Korndichte
Mehr Ähren aus weniger Trieben
So auch 2007, als im Frühjahr nach sechs Monaten Rekordtemperaturen die Bestände „verrückt“ spielten. Viele Sorten überwuchsen sich, dünnten nach den Kälterückschlägen Ende Januar aus, litten unter der Apriltrockenheit oder gingen sogar ins Lager. Die Untersuchungen der N.U.Agrar zur sortenspezifischen Ertragsphysiologie belegen bei­spielhaft, wie unterschiedlich die Weizensorten auf maritime Winter reagieren (Abb. 3, Seite 20).
Bei Mulan wurden zur Ernte erwartungsgemäß sehr hohe Bestandesdichten gezählt, die Triebdichte im Frühjahr war hingegen die geringste! Zu Beginn der Apriltrockenheit hatte das Sortenmittel sechs Triebe je Pflanze gebildet, MULAN lediglich vier. Auch die Kornzahl je Ähre war sortentypisch geringer. Zum Endspurt hin zog Mulan dann jedoch an allen anderen Sorten vorbei und belegte über eine hervorragende Kornausbildung Platz 1 im Ertrag!

Zu interpretieren ist die unterschiedliche Jugendentwicklung u. a. mit dem unterschiedlichen Tageslängen- und Vernalisationsbedarf der Sorten. Diese Sorte ist eher tagneutral mit mittlerem Vernalisationsbedarf. Der Schossbeginn – erkennbar am Aufrichten der Bestockungstriebe – wird neben der zunehmenden Tageslänge auch von der erreichten Temperatursumme gesteuert. Deshalb beendet Mulan nach warmer Herbst- und Winterwitterung früher die Bestockung und bildet weniger schwache Bestockungstriebe als andere Sorten. Dies ließ sich auch im Frühjahr 2008 nachvollziehen: Im Foto (Seite 6) ist eine typische MULAN-Pflanze mit einer langtagsbetonten Sorte verglichen. Während sie sich schon Ende April aufgerichtet hat und keine neuen Nebentriebe mehr zu erkennen sind, hat die Vergleichssorte weiter bestockt und damit viel mehr unproduktive Nebentriebe gebildet.

Sorten mit höherer Bestandesdichte müssen also keinesfalls mastige Bestände bilden! Das frühere Bestockungsende ist ein großer Vorteil bei Frühsaaten. Bei Spätsaaten und in rauen Lagen sollte die Sorte dichter gesät werden, um auch bei geringerem Temperaturangebot ausreichend ho­he Bestandesdichten zu bilden. Denn das ist die Kehrseite der Medaille: Während Korndichttypen wie Tommi, Tuareg oder T* auch noch mit dünnen Be­ständen Höchsterträge bilden können, ist die Einzelähre von Mulan weniger kompensationsfähig.

Triebentwicklung
Triebentwicklung
„Sommersprossen“ schützen die Pflanze
Auffällig ist die zum Teil heftige Sprenkelung im Frühjahr, die Mulan und einige weitere Sorten zeigen. Diese sind in der Regel nicht auf Krankheiten zurückzuführen, sondern treten auf bei Trockenheit, geringer Nährstoffverfügbarkeit sowie nach der Applikation aggressiver Tankmischungen. Diese „Stresspickel“ sind nicht schön, können jedoch ähnlich wie das Blattrollen auch als positive Stressreaktion interpretiert werden: Sieht nicht schön aus und trägt doch dazu bei, weniger Wasser zu verdunsten! Auffällig ist doch, das sich die Symptome mit Erscheinen der letzten Blätter wieder „verwachsen“ – die oberen Blätter sind intakt, der untere Blattapparat wird zügiger reduziert. Durch das zügige Aussortieren überflüssiger Blätter bleibt mehr Wasser und Assimilat für Ertragsbildung, anders sind diese hervorragenden Ergebnisse nicht zu interpretieren. Während des Selektionsprozesses wurde die Sorte drei Jahre lang nach Optik zunächst verworfen, nach überzeugenden Leistungen dann jedoch immer wieder weitergeprüft und schließlich angemeldet.

Frühe Sorten früher dreschen

Ertragsdreieck MULAN, TOMMI
Ertragsdreieck MULAN, TOMMI
Nie zuvor in den vergangenen 25 Jahren war es so wirtschaftlich wie heute, die beste Sorte und die beste Saatgutqualität zu drillen. Mulan passt als frühe, winterharte Sorte mit sehr sicherer Kornfüllung gut zu den anderen Hochertragssorten. Unterschiede im photoperiodischen Verhalten und der Ertragsbildung ergänzen sich so für eine bessere Risikoabsicherung. Wichtig ist es, die Anbaumaßnahmen auf den zügigen Entwicklungsrhythmus sortentypischen abzustellen. Dazu gehört eine zeitige Andüngung, ein früher Fungizid- und Wachstumsreglereinsatz und schließlich eine frühe Ernte für hohe Fallzahlen. Begünstigt werden frühere Druschtermine durch die ausgezeichnete Druschfähigkeit: Mulan lagert zum Ende der Vegetation sehr zügig ins Korn um, hat im Gegensatz zu den lange vital bleibenden Sorten eine sehr zügige Strohabreife.

Sven Böse


1) Wintergetreide der gemäßigte Breiten schosst erst nach einem mehrwöchigen Kältereiz zwischen 0 und 5°C, gefolgt von Taglängen über 12-14 h. Bereits in den 70er-Jahren wurde zudem in Weizensorten mit Halbzwerg-Genen ein höherer Gibberellinpegel festgestellt. Dieses „Schrittmacherhormon“ sensibilisiert die Pflanze für Licht- und temperaturreize und erklärt die zügige Entwicklung einiger Sorten (Tommi!).
 

Stand: 05.05.2008