Aktuelle Ausgabe 02/2018

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Immer mehr Fungizide verlieren an Wirkung bzw. ihre Zulassung, neue sind nicht in Sicht. Umso wichtiger sind jetzt sehr gesunde Sorten: um Behandlungen einzusparen und so die verbleibenden Wirkstoffe zu schonen!

Der Idealfall: gesunde Pflanzen mit wenig/ohne Fungizidaufwand
Der Idealfall: gesunde Pflanzen mit wenig/ohne Fungizidaufwand
Nach den Strobilurinen und Azolen verlieren nun auch schon regional die Carboxamide durch Resistenzbildung der Schaderreger an Wirkung. Viele Krankheiten, etwa Blattseptoria oder Ramularia, sind deshalb mit chemischem Pflanzenschutz immer schwerer zu kontrollieren, zumal ohne Kontaktmittel wie Chlortalonil (Bravo). Mit der verschärften Gesetzeslage könnten in den nächsten Jahren bis zu drei Viertel der Mittel ihre Zulassung verlieren, infolge sogenannter „Cut Off“-Kriterien oder „Substitution“. Umso wichtiger sind jetzt gesündere Sorten! Dabei geht es heute nicht mehr darum, Aufwandmengen zu reduzieren oder Behandlungen hinauszuzögern. Im Gegenteil: Die Alternative zu einem rechtzeitigen, voll dosierten Fungizideinsatz ist der Verzicht einer Behandlung, um Resistenzbildungen der Erreger zu erschweren.


Neuzulassungen mit herausragendem Gesundheitswert

Gebraucht werden also Sorten, die gegen alle in einem Behandlungszeitraum auftretenden Krankheiten so widerstandsfähig sind, dass die chemische Bekämpfung zu vertretbaren Ertragsrisiken ausgesetzt werden kann. Bleiben Fuß- und Halmbasiskrankheiten dank gesunder Fruchtfolgen und Saatzeiten unterhalb der Bekämpfungsschwelle, ist ein Fungizidverzicht am ehesten bei der Kontrolle der Blattkrankheiten denkbar. Es gibt bereits eine Vielzahl von Sorten mit geringerer Anfälligkeit („4“) gegenüber allen Blattkrankheiten sowie Ährenfusarium. Diese kommen häufig mit zwei Fungizidmaßnahmen aus, im Einzelfall sogar allein mit einer rechtzeitig gesetzten Abschlussbehandlung.

Darüber hinaus zählt die Beschreibende Sortenliste 2016 fünf Sorten, die gegenüber allen verbreiteten Erregern – Blattseptoria, Gelbrost, Braunrost und Mehltau – Befallsnoten von „3“ und besser aufweisen*. Drei weitere wurden im Frühjahr 2017 zugelassen: neben dem B-Weizen Kamerad die A-Sorten Achim und Chiron, alle drei zugleich mit guter bis sehr guter Toleranz gegenüber Ährenfusarium (APS „3“ bzw. „4“).


Fungizidverzicht: Wie stark ist der Ertragsabfall?

Behandlungsbedarf Winterweizen; zur Verbesserung der Bildqualität bitte anklicken
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Die in der Sortenliste beschriebenen Befallsunterschiede geben bereits eine erste Orientierung für ein Resistenzmanagement über die Sortenwahl. Entscheidend ist jedoch die Frage, wie eine Sorte auf den Wegfall der Behandlungen ertraglich reagiert. Genau darauf werden die Sorten in der Wertprüfung und danach in den Landessortenversuchen umfassend geprüft. Bei voller Stickstoffdüngung – je nach Nmin-Gehalt werden 160 – 220 kg N/ha gestreut – wird in der Stufe 1 auf den Einsatz von Fungiziden und Wachstumsreglern gänzlich verzichtet. Weil Lager in Parzellenversuchen i. d. R. keine entscheidende Rolle spielt, ist die Ertragsabweichung in der unbehandelten Stufe vorrangig auf den Fungizidverzicht zurückzuführen.

In Abb. 1 sind Weizensorten nach ihrem Behandlungsbedarf geordnet. Die Low-Input-Sorten rechts sind ohne Behandlung ertraglich um eine bzw. sogar zwei Noten besser eingestuft als mit. Diese verloren ohne Behandlung vergleichsweise weniger Ertrag, erlauben also eher die Einsparung von Applikationen. Links sind die hier so bezeichneten „High-Input-Sorten“ gruppiert, die ohne Fungizideinsatz im Kornertrag vergleichsweise stärker abfallen.


Was kostet der Fungizidverzicht; zur Verbesserung der Bildqualität bitte anklicken
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Kostenbereinigt höhere Deckungsbeiträge ohne Behandlung

Kritische Praktiker geben sich mit dieser Klassifizierung allerdings nicht zufrieden. Sie interessiert die Höhe des absoluten Ertrages ohne Fungizideinsatz – in Tonnen, Prozent sowie der direkte Vergleich der Sorten, um daraus die Ökonomie eines Fungizidverzichts abzuleiten.

Diese Zusammenhänge werden in Abb. 2 untersucht. Dort sind für die beiden sehr gesunden Neuzulassungen Achim und Chiron sowie alle Vergleichssorten die Kornerträge in Stufe 1 und Stufe 2 ausgewiesen. Dazu ist anzumerken, dass keine der Vergleichssorten hoch anfällig ist. Rumor hat allerdings eine Schwäche bei Gelbrost, Pionier bei Braunrost, Genius bei Septoria tritici. Die sehr gesunden A-Sorten Chiron und Achim reagieren wie erwartet weniger auf die Fungizidbehandlung. Ihre genetische Basisleistung erreicht bereits 90 % der behandelten Stufe.

Bei den genannten Erlösen führt das zu einer um 190 €/ha geringeren Marktleistung in Stufe 1 gegenüber bis zu 320 €/ha bei den Vergleichssorten.

Dagegen zu rechnen sind die geringeren Behandlungskosten: Auf den Prüfstandorten wurden in Stufe 2 meist dreimal Fungizide appliziert, dazu zweimal Wachstumsregler – überwiegend als Einzelmaßnahmen. Kalkuliert man an Mittelkosten 155 €/ha für die Fungizide und 25 €/ha für die Wachstumsregler, dazu 40 €/ha für die Arbeitserledigung, so ist die unbehandelte Stufe 1 mit 220 € geringeren Kosten belastet. Fazit: Während die herkömmlichen A-Sorten ohne Behandlung einen Verlust von 20 – 30 €/ha aufwiesen, Rumor sogar 100 €/ha, sind mit den gesunden neuen A-Sorten unbehandelt sogar 30 €/ha zu verdienen!


Intensiver Weizenanbau ohne Fungizideinsatz denkbar?!

Kann also mit sehr gesunden Sorten auf den Fungizideinsatz verzichtet werden? Nach diesen Ergebnissen: ja. Zumindest als Mittelwert der 43 Einzelversuche in den letzten drei Jahren, bei überwiegend „gesunder“ Vorfrucht und Saatzeit sowie einem mittelhohen Düngungsniveau – wie es zukünftig allgemein üblich sein wird. In 10 Fällen war ein Ertragsabfall über 15 dt/ha zu verzeichnen, in 22 Fällen hingegen einer von maximal 10 %**. Auswertungen von Sortenversuchen der Züchter und regionaler Beratungsinstitutionen zeigen in die gleiche Richtung. Im intensiven Weizenanbau mit hoher Ertragserwartung ist der Einsatz von Herbiziden und Wachstumsreglern kaum wegzudenken, der obligatorische Fungizideinsatz hingegen schon: nicht immer, jedoch als Option im Einzelfall – mit angepassten Anbauverfahren und immer noch gesünderen Sorten. Ziel sind höhere Deckungsbeiträge, und die Schonung der Fungizide für die Anbausituationen, in denen sie auch zukünftig gebraucht werden.

Sven Böse

* Apian, Dichter, Kopernikus, Rockefeller, Helmond. Regional wäre zusätzlich DTR zu berücksichtigen.

** Genauer: Der vollständige Fungizidverzicht war in 4 Fällen mit 20–25 dt/ha Ertragsabfall verbunden, 6 mal mit 15–20 dt/ha, 11 mal mit 10–15 dt/ha, 13 mal mit 5–10 dt/ha, 9 mal mit 1,5–5 dt/ha.

Stand: 26.06.2017