Aktuelle Ausgabe 02/2018

Ausgaben

Sonderausgaben

Themen

Impressum

Datenschutzerklärung

Die Anforderungen steigen: Nicht nur, dass der genügsame Roggen auf die schwachen und oft schlecht mit Wasser versorgten Böden verdrängt wurde, immer häufiger treten auch lange Trockenphasen auf oder auch Starkregen mit Sturmböen. Damit gewinnen Standfestigkeit, ausgeprägte Trockenstresstoleranz und Ertragsstabilität unter widrigen Wetterbedingungen eine noch stärkere Bedeutung.

Der rasante Zuchtfortschritt der letzten Jahrzehnte, der ohne die Hybridzüchtung nicht möglich gewesen wäre, fußte keinesfalls ausschließlich auf der Ertragssteigerung von bis zu 20 % gegenüber Populationsroggen. Auch die Resistenz gegenüber Blattkrankheiten konnte auf ein den Populationssorten ebenbürtiges Niveau angehoben werden. Neuere Hybriden sind teilweise sogar weniger anfällig als Populationssorten. Trotzdem bleibt noch eine große Baustelle: die Standfestigkeit!


Wachstumsreglereinsatz ist oft ein Lotteriespiel

Obwohl die Halmlänge durch die Entwicklung von Hybriden im Vergleich zu Populationssorten bedeutend reduziert werden konnte, führte dies nicht zu einer nennenswerten Verbesserung in der Standfestigkeit. Deshalb gehört im heutigen Roggenanbau der Einsatz von chemischen Wachstumsreglern zur Standardmaßnahme. Denn nur dadurch kann die Gefahr von Lager und die damit verbundenen Ertrags- und Qualitätseinbußen vermindert werden.

Wuchshöhenunterschied Zwerge
Wuchshöhenunterschied Zwerge
Wachstumsregler müssen in der Praxis meistens mehrfach ausgebracht werden und sind dadurch zeit- und kostenintensiv. Außerdem ist ihre Wirkung stark umweltabhängig: So kann ein plötzlich auftretender Wassermangel zu einer Beeinträchtigung der Pflanzen führen oder Kälte die Wirkung mindern. Gerade auf den typischen Roggenstandorten tritt Ersteres sehr häufig ein. Dann kommt es als Folge von Trockenstress in Verbindung mit chemischen Halmverkürzern zu Problemen in der Pflanzenentwicklung und zu Mindererträgen. Wenn der Wachstumsregler „kneift“, führt dies zu heterogenen Beständen und Zwiewüchsigkeit, was wiederum den Befall mit Mutterkorn begünstig.

Ein wichtiges Ziel der Roggenzüchtung ist es daher, die Pflanzenlänge weiter züchterisch zu verringern ohne dabei Ertragsverluste in Kauf nehmen zu müssen. Auf diese Weise wäre es zukünftig möglich, den Einsatz von Wachstumsreglern zu reduzieren bzw. überflüssig zu machen.


Versuchsreihe bringt überraschende Erkenntnisse

verbesserte Standfestigkeit von Zwergen; zur Verbesserung der Bildqualität bitte Anklicken
verbesserte Standfestigkeit von Zwergen; zur Verbesserung der Bildqualität bitte Anklicken
In Weizen und Triticale konnte durch die Nutzung der Kurzstrohgene die Strohlänge verringert werden. In beiden Kulturarten sind entsprechende Sorten in der Praxis mittlerweile häufig anzutreffen. Die kürzeren Sorten sind sogar oft ertragreicher als die mit normaler Wuchshöhe. Beim Roggen wurden solche genetischen Ansätze bislang nicht verfolgt.

Daher wurde im Rahmen des Forschungsvorhabens OPTIMALL* das Potenzial des dominanten Kurzstrohgens Ddw1 in der Züchtung ertragsstarker Halbzwerg-Roggenhybriden geprüft. In diesem Projekt engagiert sich auch die HYBRO Saatzucht GmbH & Co. KG. Als Ausgangspunkt für die Einschätzung der Leistungsfähigkeit von Roggen-Halbzwergen wurden Hybriden mit nahezu identischem genetischen (isogenen) Hintergrund entwickelt. Diese unterscheiden sich nur durch das Vorhandensein bzw. Fehlen des Kurzstrohgens. Dieser Ansatz erlaubte eine verlässliche Beurteilung des Potenzials von Halbzwergen im Roggen. Als ergänzende Referenzen wurden zusätzlich bereits zugelassene, normalstrohige Hybridsorten sowie Prüfstämme herangezogen. Um eine aussagekräftige Einschätzung abgeben zu können, erfolgte die Leistungsprüfung in umfangreichen Feldversuchen. Heute stehen Daten von 11 Versuchsstandorten und zwei Versuchsjahren aus Deutschland und Polen zur Verfügung.


Halbzwerge sind standfester

Der auffälligste Vorzug von Roggen-Halbzwergen ist die Verbesserung der Standfestigkeit durch die Verringerung der Wuchshöhe. Gemittelt über alle 18 Umwelten konnte eine Reduktion des Längenwachstums um durchschnittlich 43 cm im Vergleich zwischen Halbzwergen und deren nahezu genetisch identischen, normalstrohigen Vollgeschwistern beobachtet werden (Bild 1). Dadurch verbesserte sich die Lagerneigung je nach Umwelt merklich um bis zu 6 APS-Noten (Bild 2).

Die gute Standfestigkeit führt …

  1. dazu, dass der Wachstumsreglereinsatz überflüssig wird (Kostenreduktion, Einsparung von Arbeitszeit).
  2. zu besseren Qualitätseigenschaften des Erntegutes, da die Gefahr von Auswuchs stark minimiert wird.
  3. aufgrund der geringen Strohmengen zu einer verbesserten Druscheignung. Halbzwerge vereinfachen somit nicht nur die Bestandesführung, sondern auch die Ernte.

Mehr Standfestigkeit und mehr Ertrag

Das Wichtigste in der Praxis ist und bleibt natürlich ein möglichst hoher Kornertrag. Auch hier überzeugen die Halbzwerge: Innerhalb der umfangreichen Leistungsprüfungen der offiziellen Wertprüfung (WP) zeigten die Halbzwerge bei einer Bestandesführung entsprechend der Stufe 1 generell eine überragende Leistungsfähigkeit. Beim Ertragsvergleich zwischen den Halbzwergen und den nahezu genetisch identischen Hybriden waren Erstere deutlich überlegen. Einige Halbzwerge erreichten sogar eine um 16 % höhere Ertragsleistung als deren normalstrohige Vollgeschwister. Auch in Relation zu bereits zugelassenen Hybridsorten war das Potenzial der Halbzwerge ersichtlich.


Halbzwergsorten sind noch trockentoleranter

Vor dem Hintergrund der sich ändernden klimatischen Bedingungen spielt die Trockenstresstoleranz züchterisch eine entscheidende Rolle. Besonders auf den typischen Roggenstandorten mit leichten, sandigen Böden und einer geringen Wasserkapazität zeigte sich das überlegene Ertragspotenzial der Halbzwerge gegenüber ihren nahezu isogenen, normalstrohigen Vollgeschwistern.

Um den enormen Fortschritt mit Halbzwergsorten möglichst schnell dem Landwirt zur Verfügung stellen zu können, wurden innerhalb des Forschungsvorhabens neue Selektionswerkzeuge entwickelt, die eine schnelle und effiziente Züchtung von Halbzwergen ermöglichen. Dadurch wird sichergestellt, dass Halbzwerge in naher Zukunft zur Effizienzsteigerung und Ertragssicherung im Roggen beitragen können.


Fazit

In umfangreichen Leistungsprüfungen der Halbzwerge im Rahmen des Forschungsvorhabens OPTIMALL wurde das vielversprechende Potenzial der Halbzwerg-Roggenhybriden hinsichtlich Standfestigkeit, Trockentoleranz und auch Ertragspotenzial belegt. Es stellte sich heraus, dass die Nutzung des Kurzstrohgens Ddw1 eine züchterische Option zur Ertragssicherung und -steigerung bei Roggen darstellt. Damit kommt auch für den Roggen eine Optimierung des Verhältnisses zwischen Kornertrag und oberirdischer Biomasse in greifbare Nähe. Die innerhalb des Projektes neu entwickelten Selektionswerkzeuge tragen dazu bei, den erarbeiteten Zuchtfortschritt möglichst schnell der Praxis zur Verfügung stellen zu können – für mehr Effizienz im Roggenanbau.

Dr. Dörthe Siekmann, Dr. Franz Joachim Fromme

*gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Förderprogramm Deutsche Innovationspartnerschaft (DIP) Agrar

Stand: 03.07.2017