Aktuelle Ausgabe 03/2018

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Die Preissituation bei Getreide erfordert noch leistungsfähigere und kostensparendere Sorten. Nur: Alle Vorteile in einer Sorte gibt es nicht. Deshalb gilt es abzuwägen und zu rechnen im Unternehmen Pflanzenbau.

Getreidebilanz; zum Vergrößern bitte anklicken
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Zwar scheinen die Rohstofferlöse weltweit einen Boden gefunden zu haben, speziell bei Agrarerzeugnissen ist jedoch mit einem weiteren schwierigen Jahr zu rechnen: Zum einen deutet sich weltweit zum vierten Mal in Folge eine hohe Ernte an. Zum anderen stagniert der Getreideverbrauch für die Fütterung und Ethanolproduktion infolge der Asienkrise und der niedrigen Ölpreise wohl noch ein weiteres Jahr (Abb. 1). Bei fallenden Erzeugerpreisen müssen die Stückkosten sinken, kostenneutrale Leistungssteigerungen haben Priorität, Resistenzen werden wichtiger, ebenso Qualitätsaufschläge. Die Sortenwahl im Herbst 2016 muss diesen Prämissen entsprechen.


Welche Sorteneigenschaften zählen im Herbst 2016?

Tab. 1 beschreibt exemplarisch für einen Standort mit hoher Ertragserwartung, wie sich die Sortenwahl auf den Gewinn auswirkt: Die erste Spalte beschreibt den Spielraum bei der Sortenwahl, ausgedrückt in Ausprägungsstufen (APS) des Bundessortenamtes, wie sie innerhalb des aktuellen Leistungsniveaus möglich sind. Dabei geht es beim Kornertrag und Proteingehalt lediglich um eine Note Differenz. Bei den agronomischen Eigenschaften sind die Spielräume größer.

Ökonomische Bewertung von Sortenmerkmalen
Ökonomische Bewertung von Sortenmerkmalen
Die zweite Spalte schätzt die Relevanz dieses Merkmals. Dabei steht eine Note im Kornertrag für 4 % Differenz, im Beispiel also 3,6 dt/ha. Die Risiken bei proteinschwächeren und fallzahlstabilen Weizensorten liegen bei 0,60 bzw. 1,00 Euro Qualitätsabschlag je Dezitonne. Bei der Auswinterung geht es um Umbruch und Neuansaat. Besonders resistente oder standfeste Sorten ermöglichen die Einsparung von Behandlungen. 
Die Eintrittshäufigkeit (dritte Spalte) ist für jeden Betrieb individuell zu schätzen. Hier wird unterstellt, das eine APS mehr Protein (ca. 0,3 % abs.) jedes dritte Jahr dazu führt, dass – anders als bei der APS 4 – der Qualitätsaufschlag erhalten bleibt. Analog wird bei der auswuchsfesten Sorte unterstellt, dass in jedem 4. Jahr bei der fallzahlstabilen Sorte Preisabschläge auf Futterweizenniveau erspart bleiben. Bei der Auswinterung tritt der Schadensfall Umbruch im Beispiel jedes 8. Jahr ein. Gesündere Sorten ermöglichen in vielen Jahren Fungizideinsparungen, aber eben auch nicht in jedem.


Resistenz und Qualität jetzt höher gewichten

Unter den beschriebenen Annahmen ist die Ertragsfähigkeit einer Sorte mit Abstand das wichtigste Sortenmerkmal. Dabei gilt: Je höher das zu erwartende Erlösniveau, umso höher ist der wirtschaftliche Vorteil des Ertrages im Vergleich zu den anderen Sortenmerkmalen. Je geringer die Preiserwartung, umso wichtiger sind kostensenkenden Sortenmerkmale wie Winterfestigkeit, Standfestigkeit und Gesundheit. Und natürlich die Sicherung der Vermarktungsqualität, denn Qualitätsabschläge tun bei geringem Preisniveau doppelt weh.

Ährengesundheit und Winterfestigkeit sind mit knapp 50 €/ha Gewinndifferenz die zweitwichtigsten Sortenmerkmale. Gerade an diesen Merkmalen ist jedoch darauf hinzuweisen, dass die Sortenwahl immer eine einzelbetriebliche, unternehmerische Entscheidung ist. Denn im Norden Deutschlands wäre die ökonomische Relevanz etwa der Fusariumanfälligkeit weniger hoch, im Westen und Süden die der Auswinterungsbonitur.

Hinzu kommt, dass ja keine Sorte alle Vorteile vereint, Vorteile eines Merkmals werden häufig durch Nachteile bei anderen wieder relativiert.

Und schließlich ist in der Tabelle die Flexibilität der Nutzung einer Sorte nicht bewertet. Eine solche mit gesundem Fuß kann auch als Stoppelweizen eingesetzt werden, eine Sorte mit Fusariumresistenz auch in Maisfruchtfolgen, ein Sorte mit bester Standfestigkeit auch in Güllebetrieben mit hohem Lagerrisiko.


Rentabilität von Hybridroggen
Rentabilität von Hybridroggen
Hybridroggen rechnet sich jetzt noch besser?

Hybriden gewinnen immer mehr Bedeutung auch im Getreideanbau. Hybridroggen hat sich weitgehend durchgesetzt, allerdings wird immer noch auf 30 % der Fläche Populationsroggen angebaut. Dies ist nicht mehr zu vertreten, hier werden Gewinne verschenkt! Denn mit den Turbohybriden stehen jetzt Sorten zur Verfügung, die 5–10 % leistungsfähiger sind als die bisher verbreiteten Hybridroggensorten. Der Ertragsabstand zu den Populationssorten beträgt damit auf typischen Roggenstandorten 18–20 %. Hierzu ist in Tab. 2 eine Rentabilitätsbetrachtung angestellt. Mit den heutigen Hybridroggensorten errechnet sich damit selbst auf Standorten mit sehr geringen Erträgen und sogar noch bei Erlösen um 12 €/dt ein deutlicher Mehrgewinn von 46 €/ha.


Rentabilität von Hybridweizen
Rentabilität von Hybridweizen
Hybridweizen rechnet sich auf Stressstandorten

Auch bei Hybridwinterweizen nimmt das Sortenangebot zu. Allein in diesem Jahr gab es drei Neuzulassungen, europaweit steht bereits auf über 200.000 Hektar Hybridweizen. Allerdings ist beim Selbstbefruchter Weizen – wie auch bei Gerste – die Ertragsüberlegenheit der Hybriden differenzierter zu diskutieren. Feststellen lässt sich eine eindeutige Ertragsüberlegenheit des Hybridweizens unter Stressbedingungen, wo dessen höhere physiologische Aktivität – vor allem auch die der Wurzel – gefragt ist. Diese ist vor allem gefordert auf schwierigen Böden, bei Trockenstress oder auch als Stoppelweizen. Unter solch schwierigen Ertragsvoraussetzungen fällt Hybridweizen ertraglich weniger stark ab und gewinnt so an Vorzüglichkeit. Dies wird in Tab. 3 verdeutlicht: je geringer die Ertragserwartung, umso höher der kostenbereinigte Vorteil des Hybridweizens.

Bei niedrigen Preisen (15 €/ha) wird Hybridweizen ab einer Ertragserwartung von 75 dt/ha wirtschaftlich interessant, bei hohen Preisen (25 €/dt) auch noch bei 90 dt/ha. Anders als bei Hybridroggen sind die Grenzen hier allerdings fließend. Denn die Entscheidung für Hybridweizen ist auch eine für ein angepasstes Anbausystem, bei dem von Anfang an die Entwicklung der Einzelpflanze im Vordergrund steht. Die Betriebe bringen hier unterschiedliche Voraussetzungen mit hinsichtlich Aufgeschlossenheit, pflanzenbaulichem Gespür oder auch der Saattechnik.

 

Sven Böse

 

Stand: 28.06.2016