Aktuelle Ausgabe 03/2018

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Die Intensität der Agrarproduktion wird immer weiter gedeckelt. Erfolgreiche Landwirte, die ihre Produktionsverfahren optimiert haben, können nur über eine höhere Faktorproduktivität weiter wachsen. Dafür brauchen sie Fortschritt: effizientere Sorten, Technologien und Betriebsmittel.

Dies ist nicht nur in Deutschland so, sondern weltweit! Eine aufwendige internationale Studie hat herausgearbeitet, dass heute nicht mehr steigende Anbauflächen oder höhere Anbauintensitäten das Wachstum der Weltagrarproduktion bestimmen. Wachstumstreiber ist vielmehr die „Verbesserung der totalen Faktorproduktivität (TFP)“. Diese beschreibt jenen Teil steigender Produktivität, der nicht auf mehr Arbeit und Kapital, sondern auf Effizienzsteigerung beruht (Abb. 1).

Bessere Verwertung der Produktionsfaktoren
Bis in die 80er-Jahre hinein war weltweit die Erhöhung der Produktionsintensität der wichtigste Wachstumsfaktor, gefolgt von der Ausdehnung der Anbauflächen. Gleichzeitig sank das jährliche Wachstum der landwirtschaftlichen Produktion innerhalb von drei Dekaden von 2,75 % in den 60er-Jahren auf nur noch gut 2 % in den 80er-Jahren.

Seit 1990 steigt die Produktion wieder, wobei der aktuelle Ertragszuwachs zunehmend aus einer besseren Verwertung der Produktionsfaktoren resultiert. Zwischen 2000 und 2010 waren bere

Wachstumstreiber Weltagrarproduktion/zur besseren Ansicht Abbildung anklicken
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its drei Viertel des Produktionszuwachses auf eine bessere Faktorproduktivität zurückzuführen!

Das gilt bei weltweiter Betrachtung. Für die einzelnen Ländergruppen, ergibt sich ein unterschiedliches Bild (Abb. 2). So stieg die Agrarproduktion der Entwicklungsländer in der letzten Dekade um beeindruckende 3,4 % jährlich, wobei ca. ein Drittel davon auf steigender Anbauintensität basiert, die dort noch nicht ausgereizt ist.

In den Schwellenländern und noch mehr in den entwickelten Ländern ging der Faktoraufwand hingegen deutlich zurück. Die steigende Produktion war allein auf eine höhere Effizienz zurückzuführen, also eine bessere Nutzung der Produktionsfaktoren Boden, Arbeit, Kapital.

Als Gesetzmäßigkeit lässt sich festhalten, auch für andere Wirtschaftsbereiche:

Je entwickelter ein Produktionsverfahren,

  • umso schwerer lassen sich die anfänglichen Wachstumsraten der Produktion halten,
  • umso geringer die Bedeutung zusätzlichen Kapital- und Arbeitseinsatzes für die Wachstumsraten,
  • umso mehr sind diese allein über eine steigende Faktorproduktivität zu erreichen!
Zwischenfazit: Ab einem bestimmten Niveau, wenn wesentliche Entwicklungsprozesse abgeschlossen sind, geht das Wachstum zurück und ist nur noch über ständige Innovation aufrechtzuerhalten.

Faktoreinsatz auch in Deutschland weiter rückläufig
Nach der Studie (Abb. 2) ging der Faktoreinsatz in Europa mit über 2 % jährlich besonders stark zurück – die Produktionsentwicklung war in der letzten Dekade sogar negativ! Auch in Deutschland

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verliert der Faktoreinsatz an Bedeutung:

  • Der Arbeitsaufwand sinkt kontinuierlich: aufgrund des Strukturwandels sowie dank Fortschritten in der Mechanisierung.
  • Die Intensität der Bodenbearbeitung geht weiter zurück, durch nichtwendende Bodenbearbeitung, zukünftig z.B. auch durch Strip-Till-Verfahren.
  • Die Düngungsintensität wurde bei Zuckerrüben und auch Mais bereits in den 80er und 90er-Jahren beträchtlich reduziert. Mit der Novellierung der Düngeverordnung wird diese nun auch bei Getreide und Raps gedeckelt.
  • Greening und weitere Agrarumweltmaßnahmen begünstigen extensivere Fruchtfolgen, stickstoffautonome Leguminosen kehren in die Fruchtfolgen zurück.
  • Ökologische Anbauverfahren nehmen bereits 6 % der Anbaufläche ein, nach den Plänen der Bundesregierung sollen es zukünftig 20 % sein.
  • Wenig Innovationen beim Pflanzenschutz und Restriktionen bzw. Resistenzbildungen bei vorhandenen Wirkstoffen zeigen Folgen. Der PS-Aufwand geht zurück, stattdessen verschieben sich die Aussaaten nach hinten, die Fruchtfolgen werden weiter.
  • Schließlich verringert sich auch die landwirtschaftliche Nutzfläche: durch 5 % Stilllegung im Rahmen der aktuellen Agrarreform, durch anderweitige Nutzung sowie auf Grenzstandorten durch „Sozialbrache“.

Fortschritt statt „German Angst“
Vielen bereiten diese Entwicklungen große Sorgen. Doch trotz unserer schon weltberüchtigten Existenzängste („German Angst“) gilt: Deutschland ist nach wie vor ein blühender Agrarstandort mit sehr hoher und stetig weiter steigender Produktion bei sehr hohen Sozial- und Umweltstandards! Viele Länder beneiden den Agrarstandort Deutschland.

Zu verdanken ist dies einer beispielslosen Entwicklung der Faktorproduktivität. Die deutsche Landwirtschaft hat es geschafft, ihre Arbeitsproduktivität zwischen 1991 und 2011 um 123 % zu steigern. Weil die Erträge schneller stiegen als der Input, hat gleichzeitig die Ressourceneffizienz zugenommen: Laut OECD sind die Stickstoffbilanzüberschüsse von 1990/92 auf 2007/09 um 30 % zurückgegangen!

GFP Studie Bedeutung der Pflanzenzuechtung in Deutschland.pdf (Stand 11. 06.2015)

Einen immer größeren Stellenwert bei der Verbesserung der Faktorproduktivität hat der biologisch-technische Fortschritt. In einer Studie des Humboldt Forums1 wurde 2013 der Beitrag des Zuchtfortschritts zur Produktivitätssteigerung in Deutschland untersucht. Ergebnis: Die gegenwärtige Ertragssteigerung in Deutschland beruht zu nahezu 100 % auf einer höheren Faktorproduktivität, die Züchtung hat daran einen Anteil von wenigstens 50 %, Tendenz steigend!

Entwicklung TFP/zur besseren Ansicht Abbildung anklicken
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In Abb. 3 ist das jährliche Wachstum der Faktorproduktivität verschiedener Fruchtarten dargestellt. Diese entspricht, wie erläutert, heute weitgehend deren Ertragsentwicklung. Auffallend sind die sehr starken Wachstumsraten von jährlich 1,7 bis 2,4 % bei Körnermais, Raps und den Hackfrüchten. Während die Faktorproduktivität bei der wichtigsten Fruchtart Weizen und der Hybridfrucht Roggen immerhin noch um etwa 1 % jährlich anstieg, fiel sie bei Gerste und noch extremer bei Körnerleguminosen deutlich ab.

Z-Saatgut heißt Zukunft sichern!
Die unterschiedlichen Zuwachsraten sind auch auf statistische Effekte zurückzuführen: Silomais, Roggen und auch Weizen wanderten in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend auf ungünstigere Standorte. Weizen stand häufiger in Selbstfolge, Körnerleguminosen immer mehr in ökologisch wirtschaftenden Betrieben mit geringerem Ertragsniveau.

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Doch liegt es nahe, die Diskrepanzen zwischen den Fruchtarten auch mit den unterschiedlichen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (F&E) zu erklären. So arbeiten in den deutschen Zuchtgärten bei Mais etwa 1.100 Personen, bei Raps und Zuckerrüben jeweils 600, bei Weizen lediglich 300, bei Körnerleguminosen nur 40 (BDP)!

Verstärkte Investitionen in die Entwicklung ertragreicher, resistenter Sorten sind dringend notwendig. Denn die Bedeutung Europas für die Entwicklung neuer Pflanzenschutzwirkstoffe sinkt: Gerade noch 8 % der weltweiten F&E-Aufwendungen der Agrochemie sind heute auf Europa fokussiert, vor 15 Jahren waren es noch 25 % (DLG)! Eine vergleichbare Entwicklung bei der Züchtung wäre existenzbedrohend.

Am Ende wird auch die Landwirtschaft selbst über verstärkte Investitionen in die Getreidezüchtung mitbestimmen. Denn Investitionen in die Züchtung werden über den Verkauf von Z-Saatgut finanziert! Je höher und stabiler dessen Absatz, desto höher der Anreiz für langfristige Investitionen in bessere Sorten.

Fazit
Deutschland ist ein fruchtbarer und hochentwickelter, dabei jedoch teurer und stark regulierter Produktionsstandort. Dieser bleibt nur über ständige Innovationen wettbewerbsfähig. Das gilt für die gesamte Wertschöpfungskette, angefangen beim landwirtschaftlichen Betrieb. Weil dessen Leistungsfähigkeit nicht mehr über einen höheren Faktoreinsatz zu steigern ist, wird die effizientere Nutzung der Produktionsfaktoren zur Überlebensfrage. Nur solange die Faktorproduktivität schneller wächst als der weitere Rückgang des Faktoreinsatzes, bleibt unsere Agrarproduktion wettbewerbsfähig. Landwirte brauchen Fortschritt – Zuchtfortschritt!

Sven Böse

Stand: 18.06.2015