Aktuelle Ausgabe 02/2018

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Die Nachbarn Brandenburg und Niedersachsen sind beides „Agrarbundesländer“, in denen Roggen eine sehr wichtige Kultur für die leichten Standorte ist. Und doch sind die Produktionsbedingungen sehr unterschiedlich. Ein Vergleich.

Brandenburg:

20 Bodenpunkte, ausgeprägte Frühsommertrockenheit – lohnt unter diesen extremen Bedingungen Hybridroggenanbau? Produktionsleiter Sebastian Herbst, Agrargenossenschaft Feldheim, setzt auch auf den leichten Standorten auf hochleistungsfähige Hybridroggen.

Sebastian Herbst
Sebastian Herbst

Betriebsdaten:

Feldheim bei Jüterbog/Brandenburg ca. 1.650 ha AF, im Durchschnitt 33 Bodenpunkte (18–40) ca. 250 Milchkühe, 600 Sauen, 1000 Mastschweine

Biogasanlage mit 525 kW (Baujahr 2008)

praxisnah: Mit ca. 200.000 ha Anbaufläche ist Brandenburg die „Roggenhochburg“, welchen Stellenwert hat Roggen in Ihrem Betrieb?
„Die Bedeutung des Roggens ist regional sehr unterschiedlich: Es gibt Gebiete, deren Standortbedingungen inklusive Wasserversorgung besser sind und auf denen dann natürlich vorzugsweise die Marktfrüchte Weizen, Raps und auch Wintergerste angebaut werden. Auf unserem Betrieb schwanken die Bodenqualitäten bei einem Durchschnitt von 33 Bodenpunkten stark: Etwa ein Viertel sind sehr leichte Standorte mit 18–25 Bodenpunkten – hier bringen Roggen und Mais die vergleichsweise sichersten Erträge. Auf den etwas besseren Standorten ist Wintertriticale rentabler, zumal diese Frucht eine hervorragende Futterqualität hat. Weizen, Gerste und Raps stehen dann auf den Böden mit mehr als 30 Bodenpunkten.“

praxisnah: Was muss Roggen leisten, damit Sie rentabel wirtschaften können?

Ich bevorzuge bestockungsfreudige Sorten, die viele Ähren/m² und dabei trotzdem ein möglichst hohes TKG bringen. Diese Sortentypen können knappe Niederschläge am besten in Ertrag umsetzen und bringen dann auch auf diesen Standorten bis zu 80 dt/ha. Bei Trockenheit haben sie die Möglichkeit, ein paar Triebe zu reduzieren. Aber wenn wir ein extrem trockenes Frühjahr haben und dann noch unsere typischen Ostwinde die leichten Boden austrocknen, bringt keine Sorte mehr als 20–30 dt/ha. Auf mittleren Böden und mäßigem Niederschlag, sollten es 40–60 dt/ha sein, auf den guten Böden bei ausreichender Feuchtigkeit 60–80 dt/ha. Auf den 18/20er Böden ist meiner Ansicht nach die Grenze für wirtschaftlichen Hybridroggenanbau erreicht. Hier steht bei uns Populationsroggen.“

praxisnah: Wie flexibel sind Sie bei der Vermarktung?
„Schwerpunktmäßig geht der Roggen ins Futter, das Stroh bleibt auf den leichten Standorten auf dem Feld und/oder wird bei den Kühen zur Einstreu genutzt. Bei niedrigen Preisen ist die innerbetriebliche Verwertung konkurrenzlos, auch in der Biogasanlage. Wenn die Preise besser sind, TKG, Hektolitergewicht und Fallzahl stimmen, steht einer Vermarktung nichts im Wege: Dann ersetzt die Triticale den Futter- und Biogasroggen.“

praxisnah: Welche Roggensorten bauen Sie zur Ernte 2014 an?
SU Mephisto und SU Santini auf jeweils knapp 50 % der Roggenfläche (gesamt ca. 400 ha), ein paar Hektar mit Populationsroggen. SU Mephisto steht auf den nicht ganz so leichten Standorten, während ich in diesem Jahr SU Santini auch auf den 20er Böden ausprobiere.“

praxisnah: Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre Wahl getroffen?
„Wir haben unter diesen Produktionsbedingungen keinen Spielraum für zusätzliche Risiken. Daher wähle ich nur mindestens zweijährig in den LSV geprüfte Sorten, die hohe Relativerträge auf leichten Standorten gebracht haben. Oder ich probiere im ersten Jahr auf wenig Fläche mit Probesaatgut eine neue Sorte aus. Mit SU Mephisto habe ich im Vorjahr gute Erfahrungen gemacht: die Sorte konnte mit der Frühjahrstrockenheit besser umgehen als die Vergleichssorte – Ertrag und TKG passten.“

praxisnah: Was bedeutet das relativ geringe und unsichere Standortpotenzial für die Produktionstechnik?
„Bei den momentanen Preisen lohnt sicher keine intensive Bestandesführung, aber man soll auch keinen Ertrag verschenken. Vorfrucht ist bei uns Roggen oder Mais. Je nach Saatzeit – bei Mais Ende September/Anfang Oktober – liegt die Saatstärke bei 200–250 Körnern/m². Die 120 kg Stickstoff/ha werden zu Vegetationsbeginn und in EC 32 gegeben, mineralisch und mit Gärresten. Im Herbst bringen wir eine preiswerte Herbizid-Kombination aus IPU und Fenikan aus. Fungizide werden immer nur situationsbedingt appliziert, wobei die Braunrostbehandlung den Schwerpunkt bildet. SU Mephisto kam mit dieser kostensparenden Produktionstechnik immer gut zurecht – bei SU Santini müssen wir abwarten – zzt. sehen die Bestände aber ganz gut aus.

Unter diesen extremen Bedingungen wirtschaftlich Roggen anzubauen bedeutet

  • einerseits mit mehrjährig geprüften, ertragssicheren Hochleistungssorten zu arbeiten,
  • andererseits den Ertragsfortschritt zu nutzen, also auch nicht zu lange an einer Sorte festzuhalten,
  • die Produktionsintensität konsequent der Ertragserwartung anzupassen hier keine Risiken einzugehen.“

Niedersachsen:

Vertriebsberater Winfried Meyer-Coors (l) und Holger Meier
Vertriebsberater Winfried Meyer-Coors (l) und Holger Meier

Betriebsdaten:

Kirchlinteln-Deelsen/Niedersachsen, ca. 300 ha AF, 180 Milchkühe, Nachzucht,

Kulturen: Roggen, Raps (auf leichten Standorten Gerste), Mais

Mit knapp 130.000 ha Roggenanbaufläche ist Niedersachsen das zweitstärkste deutsche „Roggenland“. Die Produktionsbedingungen, unter denen Holger Meier aus Kirchlinteln-Deelsen arbeitet, unterscheiden sich erheblich von denen in Brandenburg.

Zwar gibt es auch hier in vielen Jahren eine Frühjahrstrockenheit, aber die Niederschläge sind reichlicher und auch besser verteilt. So lassen sich auf den leichten Böden, Sand/anlehmiger Sand mit 18–35 Bodenpunkten, durchschnittlich 70 dt/ha realisieren.

praxisnah: Nach welchen Kriterien treffen Sie Ihre Sortenwahl?
„Natürlich achte ich insgesamt auf eine Begrenzung des Produktionsrisikos, aber ich bin offen für neue Sorten. Neben den LSV-Ergebnissen sind für mich die Empfehlungen unseres Beratungsringes sehr wichtig, denn dieser wertet die Produktionsergebnisse der Mitglieder detailliert aus und leitet daraus betriebsbezogene Empfehlungen ab. Mein Sortenportfolio besteht immer aus altbewährten Sorten und Neuzulassungen. So kann ich schnell züchterischen Fortschritt nutzen, aber mein Risiko bleibt begrenzt. Und ich bevorzuge Sorten mit 10 %iger Populationsroggen-Beimischung. Das geht nicht auf den Ertrag, sorgt aber für eine längere, bessere Blüte und weniger Mutterkorn.“

Was muss eine Sorte leisten, damit Sie wirtschaftlich arbeiten können?
„Das Ertragspotenzial hat natürlich einen hohen Stellenwert. Aber auch standfest muss die Sorte sein und im Frühjahr gut in Gang kommen. Wir haben in der Summe zwar ausreichende Niederschläge, der Regen fehlt aber oft im Frühjahr. Ich muss also die erste Stickstoffgabe dann bringen, wenn noch Wasser da ist. Je wüchsiger eine Sorte dann schon ist, desto besser nimmt sie diesen frühen Stickstoff auf und kann ihn dann in Ertrag umsetzen.

Der Betrieb wird vollständig pfluglos bewirtschaftet. Roggen steht hier i.d.R. nach Mais (teilw. CCM) oder Roggen und wird Ende September bis Mitte Oktober mit moderaten Saatstärken gedrillt. Bei meiner diesjährigen Schwerpunktsorte SU Mephisto waren es 170–220 Körner/m². Insgesamt werde ich 150 kg Stickstoff plus Nmin/ha düngen. Pflanzenschutz und Wachstumsregler setze ich nach Bedarf ein und verzichte bei sehr geringem Infektionsdruck mit Braunrost auch mal auf die späte Behandlung. SU Mephisto hat 2013 mit dieser Produktionstechnik 80 dt/ha Ertrag gebracht und war damit hoch wirtschaftlich.“

Dr. Anke Boenisch

Stand: 07.07.2014