Aktuelle Ausgabe 02/2018

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Während die Praxis bei Zuckerrüben, Mais und teilweise auch Raps beträchtliche Fortschritte bei den Ertragsleistungen realisiert, ist dies bei Weizen weniger der Fall. Dabei ermöglicht eine geschickte Sortenwahl auch bei Getreide eine effektive Nutzung des Ertragsfortschrittes – und damit 10–15 % Gewinnsteigerung!

Bei hohen Preisen besonders wichtig: Ertrag, Ertrag, Ertrag!
Bei hohen Preisen besonders wichtig: Ertrag, Ertrag, Ertrag!
In der Diskussion zur Ertragsentwicklung wird häufig vergessen, dass dem Weizen durch die veränderten Anbaubedingungen immer mehr zugemutet wird und so die Praxisergebnisse hinsichtlich des Zuchtfortschrittes nur eine bedingte Aussage zulassen.

  1. Mit der Ausdehnung der Anbaufläche ist er auch auf Flächen gewandert, die früher nicht als weizenfähig galten.
  2. Der Anteil des Stoppelweizens nach Getreide in Mulchsaat hat immer mehr zugenommen und führt zu zusätzlichem Krankheitsdruck.
  3. Zudem ist der Einsatz von Z-Saatgut in den letzten Jahren sukzessive zurückgegangen. Damit hat sich auch die Wirtschaftlichkeit der Investition in die Weizenzucht für die Unternehmen deutlich verschlechtert. Im Gegensatz dazu ist der Anbauer bei Zuckerrüben-, Mais- und Hybridgetreidesaatgut auf den jährlichen Saatgutzukauf angewiesen und sichert deshalb den Zuchtunternehmen trotz des starken Wettbewerbs im Saatgutmarkt in diesen Bereichen angemessene Renditen. Hier amortisieren sich die Investitionen in den Zuchtfortschritt deutlich schneller.

 

Unternehmergewinn oder steuerlicher Gewinn?
In dieser Situation stellen Landwirte sich die Frage nach dem Einfluss einer optimierten Sortenwahl auf den Erfolg des Unternehmens. Misst man den Erfolg des Unternehmens am Gewinn, muss dieser klar definiert sein. Für die meisten Großunternehmen in den neuen Bundesländern zählt bei solchen Überlegungen allein der Unternehmergewinn aus der Vollkostenrechnung. Bei dessen Berechnung werden die Kosten aller Produktionsfaktoren (Kapitalverzinsung, Pacht und Pachtanspruch, Arbeitskosten) berücksichtigt, da die Betriebe überwiegend mit fremden Produktionsfaktoren arbeiten. Für den Familienbetrieb, der oft mit eigenen Arbeitskräften, viel Eigenkapital und teilweise auf Eigentumsflächen arbeitet, zählt bei den Überlegungen häufig der Gewinn im Jahresabschluss, der ohne Berücksichtigung der kalkulatorischen Kosten entsprechend höher ausfällt. In den Beispielrechnungen wird bei den Großbetrieben ausschließlich von Vollkosten ausgegangen, bei den Betriebsdaten aus dem Agrarbericht von ausschließlich eigenen Produktionsfaktoren. In der Praxis verfügen die Unternehmen aber immer über einen sehr individuellen Anteil fremder und eigener Produktionsfaktoren, so dass die Beispielszahlen nicht ohne Weiteres auf den einzelnen Betrieb übertragbar sind.

Ertragspotenzial ist wichtigster Einflussfaktor auf den Gewinn
Am Beispiel Weizen, der wichtigsten Anbaufrucht im Ackerbau, wurden in den Tabellen 1 und 2 in einer exemplarischen Kalkulation mit einem Weizenpreis von 18 €/dt die einzelnen Einflussfaktoren auf das Ergebnis der Musterbetriebe kalkuliert. Deutlich wird, dass bei den derzeit hohen Produktpreisen der Ertrag den größten Einfluss auf das Ergebnis hat. Soweit die gewählten Ansätze im Einzelfall zutreffen, steigern 5 % mehr Ertrag den Gewinn um 17 bzw. 13 %! Bei steigenden Produktpreisen wird der Einfluss des Ertrags noch größer. Auch die Gesundheit, die Druschfähigkeit oder die Ertragssicherheit einer Sorte sind betriebswirtschaftlich zu bewerten, fallen gegenüber dem Ertrag in ihrer relativen Bedeutung jedoch ab. Das gilt auch für eine höhere Vermarktungsqualität einer Sorte, zumal diese in der Regel mit geringeren Erträgen einhergeht (hier 3 %).

Sortenwahl: nicht ausschließlich auf Landessortenversuche setzen
In Tabelle 3 ist exemplarisch dargestellt, wie die Sortenwahl in einem größeren Ackerbaubetrieb auf der Grenze zwischen Südniedersachsen und Nordrhein-Westfalen anhand des vorhandenen Sortenspektrums beim Weizen erfolgen könnte. Der Standort bietet dem Produzenten verschiedene Vermarktungswege, sowohl in die Futterschiene als auch in dem Mühlenbereich. In dem Beispielunternehmen sind außerdem standortbedingt Anbauflächen unterschiedlicher Qualität und Ertragsfähigkeit vorhanden, die für eine deutliche Differenzierung bei der Sortenwahl sprechen. Zum Stoppelgetreide wird gepflügt und die Region gilt nicht als Risikoregion für Fusariuminfektionen.

Kornertrag hat Priorität
Der erste Fokus bei der Auswahl liegt auf dem Kornertrag in der Behandlungsstufe 2 für den intensiven Anbau. Zum Einsatz im Betrieb sollen daher nur Hochertragssorten kommen. In der Tabelle 3 (zum Vergrößern bitte anklicken) wird ersichtlich, auf welche Sortenkriterien der Landwirt bei der Auswahl Wert gelegt hat.

Beispiel Sortenwahl
Beispiel Sortenwahl
Für die Hochertragssorte Tobak hat er sich trotz ihrer Schwäche beim Ährenfusarium entschieden, weil die Sorte nach Winterraps und nach Winterweizen nach Pflug mit geringem Fusariumrisiko steht. Elixer kommt auf vertraglicher Basis mit einem Verarbeiter zum Einsatz und weil bei Qualitätsmängeln immer noch die problemlose Vermarktung in die Futtermischindustrie möglich ist. Für die schwächeren Standorte, zur Arbeitszeitentzerrung (Frühdrusch) und im Hinblick auf die Vermarktung als Qualitätsweizen fällt die Wahl auf JB Asano. Primus wird für die Spätsaat nach Zuckerrüben und Linus als Stoppelweizen gewählt. Die guten Versuchsergebnisse der neuen Sorte Memory führen dazu auf einer kleineren Fläche zu einem Versuchsanbau, obwohl noch keine regionale Empfehlung dafür vorliegt.

Die ausschließliche Orientierung an den Landessortenversuchen hat jedoch wesentliche Schwächen, weil dort im Anbau für alle Sorten die gleiche Vorfrucht, die gleiche Saatzeit und das gleiche Fungizidprogramm gelten und die Versuche überwiegend nach Blattfrucht stehen. Deshalb lassen sich daraus nur begrenzte Aussagen über die Frühsaateignung und die Eignung der Sorten im Mulchsaatverfahren als Stoppelweizen oder deren Reaktion auf späte Aussaat ableiten. Quellen für diese Informationen sind Züchter, Beratungsorganisationen und eigene Erfahrungen bzw. die von Berufskollegen.

K. H. Mann
K. H. Mann

C. Brinkmann
C. Brinkmann

Eine optimale Platzierung der richtigen Sorte nach Vorfrucht, Saatzeit und Anbauverfahren bringt zusätzliche positive Ertragswirkungen und erhöht den Einfluss einer gezielten Sortenwahl auf das Ergebnis. Trotz alledem lassen sich damit die unerwarteten Einzeljahreseffekte von Witterungsextremen auf den Ertrag einzelner Sorten nicht ausschließen, die in einzelnen Jahren zu abweichenden Ergebnissen der Sorten führen können. Deshalb ist die Praxis bei der Wahl der Schwerpunktsorte meist konservativ und orientiert sich an den eigenen Erfahrungen über die Ertragsstabilität der einzelnen Sorte. Um einerseits den Zuchtfortschritt zu nutzen und andererseits das Produktionsrisiko zu begrenzen, muss das richtige Gleichgewicht von den im Betrieb bewährten Sorten und der neuen Sorten gefunden werden.

 

Wie sieht die Sortenwahl in der Praxis aus?
Neben der Nutzung der Daten des Bundessortenamtes zur Einstufung der Sorten hinsichtlich Leistung und Eigenschaften werden vor allem die Empfehlungen der Beratung, der Züchter und Berufskollegen berücksichtigt und regionale Sortenversuche mit einbezogen. Bei den betrieblich bewährten Sorten wird nur sehr vorsichtig ein Wechsel vorgenommen. Je nach Betriebsgröße werden jährlich nur 5 bis 15 % der Fläche versuchsweise mit neuen Sorten bestellt, die in Anbauversuchen positiv abgeschnitten haben.

Optimierte Sortenwahl bringt bis zu 15 % mehr Gewinn
Bei derzeitigen Rahmenbedingungen kann die optimierte Sortenwahl den Unternehmergewinn oder auch den Gewinn eines Familienbetriebes um 10 bis 15 % verbessern. Dies ist im Wettbewerb um teure Pachtflächen ein wichtiger Gesichtspunkt. Durch die gestiegenen Produktpreise muss aus wirtschaftlicher Sicht bei der Sortenwahl der Fokus verstärkt auf der Ertragsleistung liegen.

Je höher der Produktpreis umso wichtiger die Ertragsleistung der Sorte. Ferner müssen die unterschiedlichen Sorteneigenschaften regional genutzt werden, um die Markt- und Witterungsrisiken zu begrenzen.

 

Karl Heinz Mann und Cort Brinkmann

 

Stand: 07.07.2014