Aktuelle Ausgabe 03/2018

Ausgaben

Sonderausgaben

Themen

Impressum

Datenschutzerklärung

Züchtung, Klimawandel und frühe Aussaaten erhöhen kontinuierlich die Einkörnung des Weizens. In der Praxis stagnieren die Erträge jedoch seit ca. 15 Jahren. Die Herausforderung besteht darin, die Erträge über eine bessere Kornausbildung zu steigern.

Getreidesilo in Kleptow
Getreidesilo in Kleptow
Treiber des genetischen Ertragsfortschritts der letzten 40 Jahre ist „die signifikante Erhöhung der Kornzahl pro Ähre, während die Anzahl der Ähren tragenden Halme und das Tausendkorngewicht weitestgehend konstant geblieben sind“ (Ahlemeier und Friedt 2012, s. auch praxisnah 3/2012 unter www.praxisnah.de). Nach dreijährigen, mehrortigen Exaktversuchen der Uni Gießen an 90 Weizensorten konnte zwischen 1966–2007 mit immer leistungsfähigeren Sorten die Kornzahl pro Ähre um 5,6 Körner bei ortsüblicher Behandlung und 6,8 Körner in der unbehandelten Variante erhöht werden.

Wie werden in der Praxis hohe Erträge realisiert?
Allerdings ist in der Praxis seit über 10 Jahren kein signifikanter Ertragsfortschritt mehr festzustellen. Begünstigen höhere Korndichten je m² tatsächlich Spitzenerträge? Die Antwort darauf gibt eine Analyse der vergangenen 15 Wertprüfungsjahre (Abb. 1). Dort war bundesweit im Mittel aller jeweils geprüften WP3-Stämme ein Ertragsanstieg um knapp 2 % festzustellen. Bei großen Jahresschwankungen stieg die Kornzahl je Ähre in diesem Zeitraum um etwa 6 %, Tausendkornmasse (TKM) und Bestandesdichte sanken um jeweils ca. 2 %. Im Gegensatz zu der zitierten Untersuchung geht es hier nicht um Sorteneffekte und den Zuchtfortschritt, sondern um die Ertragsbildung unter den Wachstumsbedingungen der letzten 15 Jahre. Dabei variierte die Bestandesdichte in den Einzeljahren zwischen 500 und 610 Ähren je m², die Kornzahl je Ähre zwischen 33 und 42, die Tausendkornmasse reichte von 44 und 51 g, der Kornertrag von 86 und 110 dt/ha.

Ertragsstruktur Winterweizen 1998-2012
Ertragsstruktur Winterweizen 1998-2012
Bei den Ertragsfaktoren neu lernen
Entscheidend für den Praktiker ist in diesem Zusammenhang, wie stark die einzelnen Ertragsfaktoren die Kornerträge bestimmen. Abb. 2 zeigt die Korrelationskoeffizienten der Ertragsfaktoren zueinander und zum Kornertrag, ermittelt aus den Wertprüfungsdaten. Je mehr sich der Wert 1 nähert, umso größer der Zusammenhang, Minus steht für eine negative Beziehung.

In den letzten 15 Jahren korrespondierten hohe Erträge in erster Linie mit einer hohen Tausendkornmasse, noch vor einer hohen Einkörnung. Überraschend dabei ist, dass im Gegensatz zu älteren Untersuchungen heute keine nennenswerte negative Beziehung zwischen Kornzahl/Ähre und Tausendkornmasse mehr festzustellen ist. Der negative Einfluss der Bestandesdichte auf die Kornzahl je Ähre ist hingegen nach wie vor erheblich. Dieser führt dazu, das die Kornzahl je m² über die Jahre vergleichsweise weniger schwankt – zwischen 18.000 Körnern 2003 und 22.000 Körnern 2010. Der immer wieder vermutete Zusammenhang zwischen Bestandesdichte und Tausendkornmasse ist zu vernachlässigen: Dünne Bestände werden durch eine höhere Einkörnung kompensiert, die Konkurrenz der Kornanlagen um die Assimilate ändert sich kaum, sie wird innerhalb der Ähre sogar größer!

Tausendkornmasse – die große Unbekannte
Warum ist es so schwierig, die Tausendkornmasse als Engpass für neue Erträge züchterisch zu erhöhen? Die relative Kornausbildung, und damit die Rangfolge der Sorten bei diesem Merkmal, ist stark erblich bestimmt. Die absolute Höhe der Tausendkornmasse – und um diese geht es am Ende – ist jedoch besonders stark umweltabhängig. Sie hängt also in erster Linie von den Wachstumsbedingungen ab.

Korrelationen der Ertragskomponenten
Korrelationen der Ertragskomponenten
Für eine ausreichende Bestandesdichte und für die Kornanlage steht eine mehrmonatige Vegetationszeit zur Verfügung. Trotz extremer Frühjahrstrockenheit wurden selbst 2011 auf den untersuchten Standorten am Ende 19.500 Körner je m² geerntet! Die Kornausbildung ist hingegen neben den Umlagerungsprozessen aus dem Spross vom aktuellen Wasserangebot und der Einstrahlung im Juni abhängig. In diesem Zeitraum ist es jedoch häufig trocken, während Juli und August zu den niederschlagsreichsten Monaten zählen. Wenn es umgekehrt zur Kornfüllung im Frühsommer sehr viel regnet, begrenzt das geringe Strahlungsangebot die Assimilatbildung aus der Photosynthese – und damit auch die Kornausbildung.

Mit der Sortenwahl dem Wetter ein Schnippchen schlagen
Aus den Ausführungen wird klar: Spitzenerträge sind nur bei hohen Korndichten und gleichzeitig guter Kornausbildung zu erreichen. Erfreulicherweise gibt es heute einige wenige Winterweizensorten, die nach den Einstufungen des Bundessortenamtes trotz überdurchschnittlicher Bestandesdichte und Einkörnung eine vergleichsweise stabile, mittelhohe Tausendkornmasse bilden. Dazu gehören u.a. Tobak, Forum sowie die Neuzüchtungen1 Edward, SU Anapolis und SU Nautic. Mit neuen Sorten könnte es also gelingen, die Erträge bei gleichzeitig hohen Korndichten über eine bessere Kornausbildung zu steigern. Das Bemerkenswerte an diesem Zuchtfortschritt ist Folgendes: Im Erntegut von Sorten mit hoher Einkörnung befinden sich mehr „Innenkörner“. Diese inneren Kornpositionen im mittleren Bereich der Ähre werden später angelegt und schlechter mit Assimilaten versorgt als die Außenkörner. Sie sitzen sozusagen am „Katzentisch“ und gehen bei Knappheit weitgehend leer aus. Aufgrund ihrer hohen physiologischen Vitalität sind die genannten Sorten offensichtlich in der Lage, auch die später angelegten Körner gut zu füllen – und damit höhere Ertragsleistungen zu bringen.

Das geht: 25.000 Körner je m² mit 45 g TKM
Erwähnenswert ist auch noch eine physiologische Besonderheit der neuen Sorte Elixer. Diese Sorte wird vom Bundessortenamt bei mittlerer Bestandesdichte mit der Spitzennote „9“ für beste Einkörnung benotet, 46,4 Körner je Ähre waren es in der dreijährigen Wertprüfung! Gleichzeitig bildet diese Sorte – bei 25.400 Körnern je m² – sehr zuverlässig und gleichmäßig ein knapp mittelgroßes Korn (44,6 g).

Erreicht wird diese bemerkenswerte Ertragskonstellation durch eine längere Kornfüllungsphase, die Züchter sprechen hier von der „postfloralen Periode“. Im Weizensortiment differieren die Ausprägungsstufen von Ährenschieben und Gelbreife meist maximal um eine Note oder sind identisch. Allein bei Elixer sind es zwei Noten Unterschied (Ährenschieben 4, Reife 6). 53 Tage standen Elixer damit zur Kornausbildung zur Verfügung – vier Wachstumstage mehr als dem Sortenmittel!

Neben einer gekonnten Anbautechnik können auch neue Sorten maßgeblich dazu beitragen, den begrenzenden Ertragsfaktor Tausendkornmasse nach oben zu verschieben. Die herausragend hohen und sehr stabilen Ertragsergebnisse einiger Neuzulassungen in den Sortenprüfungen versprechen auch der Praxis einen Leistungsschub, zumal wenn diese Sorten auch agronomisch überzeugen.

Sven Böse


1 Zulassungsverfahren zur Drucklegung noch nicht abgeschlossen

Stand: 25.06.2013