Aktuelle Ausgabe 02/2018

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Hafer ist in unseren Breiten seit Jahrhunderten das Pferdefuttermittel Nummer 1. Auf dem Gestüt Gut Lewitz in Neustadt Glewe diskutierten Gutsleiter Steffen Schur, Haferzüchter Dr. Steffen Beuch und Vielseitigkeitsreiter, Trainer und Landwirt Kai Rüder über den Anbau, die Vermarktung und die Verfütterung von Hafer und tauschten ihre Erfahrungen aus.

praxisnah: Bitte stellen Sie kurz den Haferanbau auf Ihrem Betrieb vor.
Kai Rüder
: Wir bauen Hafer (Sorte Aragon) als Gesundungsfrucht auf ca. 25 ha auf unserem Betrieb in Mecklenburg-Vorpommern an. Der Hafer wird nach der Ernte verkauft, da sich der Transport zum Gestüt nicht lohnt. Leider liefert uns der Handel nicht immer die Futterqualität, die wir brauchen. Deshalb wollten wir zunächst auf Fehmarn unseren eigenen Hafer produzieren.
Wir stellten dann fest, dass rundherum einige Berufskollegen mit Hafer ihre engen Fruchtfolgen auflockern und wir nehmen ihnen jetzt den Hafer ab.
 

Steffen Schur: Wir benötigen 2000 bis 2200 t Hafer pro Jahr, was einer Anbaufläche von ca. 400 ha Hafer entspricht. Für unsere schwierigen Bodenverhältnisse von Sand bis Niedermoor brauchen wir robuste Sorten. Trotz Flächentausches steht bei uns der Hafer alle drei Jahre. Mein „Sicherheitshafer“ ist daher die Robustsorte Aragon, die ich auf mindestens 200 ha anbaue.
Bisher haben wir trotz der engen Fruchtfolge noch keine gesundheitlichen Probleme im Hafer gehabt. Fungizide braucht diese Sorte nicht, wichtig ist nur ein konsequenter Herbizideinsatz.

Wie kann Haferanbau in solch enger Fruchtfolge funktionieren?
Steffen Schur: Das fängt mit der Aussaat an. Hafer hat nur eine kurze Vegetationsperiode und er nimmt Bodenbearbeitungsfehler übel. Wir drillen möglichst im März mit 150 Körnern pro Quadratmeter, die Saat darf aber nicht eingeschmiert werden. Trotz der nassen Böden hat der Hafer keine Fußkrankheiten. Er ist für Tiefgründigkeit und gute Bodenstruktur dankbar.
 

Dr. Steffen Beuch: Ja, wenn der Boden tiefgründig ist, bildet Hafer gute Wurzeln aus und verkraftet Frühjahrstrockenheit. Nur während der Kornfüllungsphase muss Wasser vorhanden sein.

Die Pferde auf Gut Lewitz bekommen ihrer Leistung angepasst u.a. Hafer.
Die Pferde auf Gut Lewitz bekommen ihrer Leistung angepasst u.a. Hafer.
Steffen Schur: Wir düngen mit gut eingearbeitetem Pferdemist in mehreren Teilgaben. Je besser der organische Stickstoff verwertet wird, umso weniger Mineraldünger brauchen wir. Der Drusch sollte möglichst trocken sein, da wir nicht selbst nachtrocknen können und der Handel den Hafer auch nicht gerne dazwischen haben möchte. Leider ist der Hafer auf unseren wassernachliefernden Böden zur Ernte oft noch nass und Stroh und Korn reifen ungleichmäßig ab. Deswegen bringen wir bei 80 % unserer Haferflächen ein Totalherbizid aus.

Dr. Steffen Beuch
: Das ist ein wichtiger Hinweis. Die gleichmäßige Abreife ist für uns als Züchter neben der zügigen Jugendentwicklung, der geringen Zwiewuchsneigung und der guten Strohstabilität auch ein wichtiges Kriterium.

Kai Rüder: Bei der Strohstabilität dürfen wir nicht vergessen, dass Haferstroh bestes Futterstroh ist! Steffen Schur: Das stimmt, aber ich bevorzuge trotzdem kurzstrohige Sorten, weil diese nicht so lageranfällig sind.

Dr. Steffen Beuch: Wir richten den Fokus aber nicht nur auf kurzstrohige Sorten, weil Stroh im Allgemeinen und Haferstroh im Besonderen europaweit eine wichtige Vermarktungskomponente
ist. Im Ökoanbau ist langes Stroh besonders wegen der Unkrautunterdrückung gewünscht. Wir züchten aber sehr wohl auf Standfestigkeit. Diese ist schon seit langem ein wichtiges Argument in Skandinavien, hier sind nämlich Wachstumsregler im Hafer verboten.

Kai Rüder,
Gestüt Rüder
  • Kai Rüder ist gelernter Landwirt, Pferdewirtschaftsmeister,Vielseitigkeitsreiter und Betriebsleiter des Gestüts Rüder auf der Insel Fehmarn.
  • Landwirtschaft Rüder: insgesamt 400 ha auf der Insel Fehmarn und im Klützer Winkel in Nordwestmecklenburg, auf Fehmarn Reitschule, Turnierstall, Verkaufspferde und Reittourismus, im Klützer Winkel Ackerbau mit ca. 25 ha Hafer
 
Steffen Schur,
Gut Lewitz GmbH
  • Der MSc in Agriculture* Steffen Schur ist seit 2007 Betriebsleiter auf dem Gut Lewitz in Neustadt-Glewe
  • Gut Lewitz (ca. 3000 ha) gehört zum Schockemöhle-Gestüt Lewitz mit ca. 3800 Pferden, produziert und bereitet das dort benötigte Futter mit ca. 2300 ha Grünland, 300 ha Silomais, 400 ha Hafer, Roggen und Ackergras auf.

 

Dr. Steffen Beuch,
Nordsaat Saatzucht GmbH, Zuchtstation Granskevitz
  • Dr. Steffen Beuch ist Agraringenieur Pflanzenzüchtung und Saatgutproduktion), leitet das Haferzuchtprogramm der Nordsaat und ist deren Betriebsleiter des Saatzuchtbetriebs in Granskevitz/Rügen.
 

Wie definieren Sie Qualität?
Kai Rüder: Ich will wissen, wo der Hafer herkommt und möchte konstante Qualitäten haben. Qualität heißt für mich ein akzeptables Eiweiß-Energie-Verhältnis von ungefähr 7 : 1, Schimmelfreiheit, frischer, nussiger Geruch und eine sorgfältige Reinigung. Ruhig mit einer Aufarbeitung mehr, damit besonders Staub, Sporen und Fremdkörper entfernt sind. Das Hektoliter-Gewicht sollte im Bereich von 50 kg/hl liegen, gerne mehr. Sonst fällt der Mehlkörper im Verhältnis zur Rohfaser zu klein aus, ich müsste somit mehr füttern und meine Kosten würden steigen.
Wir Pferdehalter brauchen ein Futter mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis. Hier kann das „Modemischfutter Müsli“ nicht mit dem Hafer mithalten, wenn es um die Energieverfütterung gehen soll: Müsli ist im Verhältnis wesentlich teurer, Inhaltsstoffe werden nicht immer genau deklariert und es ist lange nicht so lagerfähig wie der im ganzen Korn vorliegende, getrocknete Hafer. Meine Sportpferde bekommen in der Turnierphase 5–7 Kilo Kraftfutter aus 40 % Hafer, Gerste, Mischfutter in pelletierter Form und Maisflocken. Das schlagende Argument für den Hafer ist die sehr gute, natürliche Verdaulichkeit der energiereichen Haferstärke. Daneben hat Hafer im Verhältnis zur Gerste einen höheren Rohfettgehalt und mehr Vitamin B.
Im Hafer enthaltene essenzielle Aminosäuren unterstützen den Organismus im Aufbau von Muskeln. Er ist zudem bei Pferden aller Leistungsstufen einsetzbar und schmackhaft.
Ich würde mir eine garantierte Qualitätsproduktion von Pferdehafer als regionales Premium-Label wünschen. Doch der Handel hat kein großes Interesse am Vertragsanbau und hält weiterhin
am Hektoliter-Gewicht von 54 kg/hl fest, obwohl das nicht das einzige Kriterium für Pferdefutter ist.

Steffen Schur: Ja, das sehe ich auch so. Das Hektoliter-Gewicht ist nicht so entscheidend, wie vielfach angenommen.
Wir produzieren hier an unserem zugegebenermaßen nicht idealen Standort für Hafer Hektoliter-Gewichte von 47 bis 50 kg/hl. Wenn die sensorische Qualität stimmt, können wir die Energiezufuhr problemlos über die Menge steuern. Wir achten daher sehr auf gute Lagerhygiene.
90 % unserer Pferde stehen in Gruppen mit 12 bis 60 Tieren im Laufstall und bekommen eine TMR aus Grassilage, Maissilage, Hafer und Mineralstoffen. Pferde, die dann eine besondere Leistung bringen müssen, bekommen dann eine Extraportion Hafer.

Gelb, schwarz oder weiß. Welche Rolle spielt die Spelzenfarbe? Und warum?
Steffen Schur: Wir füttern ausschließlich gelben Hafer wie wahrscheinlich die meisten Pferdehalter hier in Deutschland. Ich glaube aber, das ist mehr aus Tradition.

Die Spelzenfarbe ist nicht mit Sorteneigenschaften wie verdaulichkeit etc. korelliert.
Die Spelzenfarbe ist nicht mit Sorteneigenschaften wie verdaulichkeit etc. korelliert.
Dr. Steffen Beuch: Es gibt keine wissenschaftliche Begründung für die Wahl der Spelzenfarbe. Sie korreliert nicht mit den Inhaltsstoffen. In Deutschland wird aus Tradition gelber Hafer gewählt, in Frankreich wollen alle Schwarzhafer. Es ist wie auf jedem Markt: Wir züchten und bauen das an, was der Kunde haben möchte. Es gibt aber tatsächlich auch Einsatzgrenzen: Zum Beispiel wird Schwarzhafer aufgrund der dunklen Spelzen nicht von den Schälmühlen genommen.


Wie bewerten Sie den Haferanbau ökonomisch?
Steffen Schur: Gut Lewitz hat die Aufgabe, eigenes Futter für die Pferde vom Gestüt Lewitz zu erzeugen. So wird verständlich, dass wir – vielleicht untypisch im deutschen Haferanbau – an einem nicht ganz idealen Standort eine solche Menge Hafer in einer relativ engen Fruchtfolge stehen haben. Wie bei jeder Frucht gilt auch für den Hafer: Die Erträge müssen stimmen. Selbstverständlich streben
wir möglichst hohe Erträge an und tun auch einiges dafür. Aussaat, Bestandesführung und Ernte müssen im richtigen Verhältnis stehen. Unser Ziel aus rein ackerbaulicher Sicht ist eine schwarze
Null. Die wahre Wertschöpfung des Hafers entsteht bei uns als günstiges und gutes Futter im
Pferdetrog.

Kai Rüder: Ich sehe das ähnlich, Hafer hat als Futter das beste Preis-/Leistungsverhältnis. Hinzu kommt der hohe Vorfruchtwert. Zudem macht er in unserer Gunstlage nur wenig Arbeit im Anbau und entzerrt die Arbeitsspitzen, damit ist er auch arbeitsökonomisch interessant.

Wo geht die Reise in Zukunft hin? Welche Neuzüchtungen erwarten uns beim Hafer in den nächsten Jahren?
Dr. Steffen Beuch: Anders als zum Beispiel beim Weizen lohnt es sich beim Hafer für einen Züchter nicht, Regionalsorten zu züchten. Die SAATEN-UNION hat ein europäisches Prüfnetzwerk von Spanien über Russland bis Skandinavien, die Sorten sollen also eine hohe Kontinuität in allen Umwelten haben. Die Ökostabilität ist ein wichtigeres Zuchtziel als das maximale Ertragspotenzial für Idealstandorte.
Auch die Kornqualitäten lassen sich züchterisch gut bearbeiten, sie sind im Gegensatz zum Ertrag genetisch stärker fixiert. In dem aktuellen Forschungsprojekt „Grain up“ der Universität Hohenheim arbeiten Wissenschaftler aus der Tierernährung und Pflanzenzüchtung gemeinsam daran, den Futterwert vom Hafer in der Pferdeernährung besser zu erfassen und zu beeinflussen und damit letztendlich die Effizienz der Energie, Protein und Phosphor aus heimischem Getreide zu erhöhen. Nackthafer oder Winterhafer besetzen in Deutschland derzeit zwar nur eine kleine Nische. Denkbar ist aber, dass wir in Zukunft verstärkt die Variabilität des Zuchtmaterials für die Schaffung eines intermediären Typs ähnlich wie beim Wechselweizen nutzen. Dabei müssen Sie immer bedenken,
dass die Züchtung einer neuen Sorte rund 2 Mio. Euro kostet. Eine erfolgreiche Sortenzüchtung beim Selbstbefruchter Hafer wird durch den steigenden Nachbau und die sinkenden Nachbaugebühren gefährdet. Deswegen müssen in Zukunft neue Ideen und partnerschaftliche Ansätze zum Zuge kommen, die auch den Einsatz biotechnologischer Verfahren oder die Hybridzüchtung mit einschließen.
 

Wir danken für das Gespräch!

Die Fragen stellten Dr. Anke Boenisch, Redakteurin praxisnah
und Angelika Sontheimer, freie Agrarjournalistin

Stand: 17.12.2012