Aktuelle Ausgabe 03/2018

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Den 40 ha Milchviehbetrieb mit Anbindehaltung weiterführen, oder doch den großen Sprung nach vorne wagen? Johann Büter aus Ohne (NI) hat den Sprung gewagt und lässt seine Herde im Boxenlaufstall jetzt von einem Melkroboter melken. praxisnah konnte sich vor Ort davon überzeugen, dass modernste Technik in Kombination mit einer intensiven Standweide sehr gut funktionieren kann.

Als das praxisnah-Team zusammen mit Johann Büter, seinem Sohn und seinem Vater Anfang April um kurz nach 10:00 Uhr morgens den Boxenlaufstall betreten, sind von den 61 Tieren noch drei im Stall – alle anderen grasen bereits weit verstreut auf der Weide. Und das, obwohl die Tiere erst seit gut 20 Minuten hinaus können. Ob eine Kuh den Stall verlassen kann, entscheidet der Roboter, wann sie wieder hineinkommt, entscheidet das Tier selbst.

Wie reagierten Tiere, die aus der Anbindehaltung kamen, auf die Umstallung in einen Boxenlaufstall und das vollautomatische Melken?
Die von Johann Büter zumindest erstaunlich unaufgeregt. „Wir haben in zwei Schritten umgestellt: Zunächst konnten sie eine Woche den Stall erkunden, erst in der zweiten Woche haben wir sie an den Melkroboter herangeführt. Die Tiere waren erstaunlich gelassen“, erinnert sich Büter. „Und sie haben sehr schnell gelernt, z.B. dass die Kuh mit Melkberechtigung erst heraus darf, nachdem sie gemolken wurde.“ Die Umstellung erfolgte im Dezember 2010, seitdem ist die Milchleistung spürbar gestiegen. „Das ganze System kommt den Tieren deutlich entgegen: Im Winter haben sie mehr Bewegung und bessere Luft, im Sommer kommen die deutlich niedrigeren Temperaturen (Thermodach) positiv zum Tragen und insgesamt natürlich die häufigeren, auf Bedarf abgerufenen Melkzeiten.“

Was passiert, wenn mal ein Tier krank ist? Früher hat der Melkende das sofort gemerkt, er hatte ja jedes Tier zweimal am Tag „in der Hand“.
2,7 Mal kommen die Tiere zzt. im Schnitt in den Roboter. Dort werden vom Mitarbeiter Roboter alle melktechnischen Daten des Tieres erfasst: Milchmenge, Durchfluss, aber auch eventueller Leistungsabfall durch Euterverletzungen etc. Schlimmstenfalls gibt es eine Meldung an das Handy des Betriebsleiters, ansonsten kontrolliert dieser aber mindestens dreimal täglich die Daten.

Der Roboter speichert viele melktechnischen Daten und meldet ggf. starke Abweichunchen von der Norm auf das Handy des Betriebsleiters.
Der Roboter speichert viele melktechnischen Daten und meldet ggf. starke Abweichunchen von der Norm auf das Handy des Betriebsleiters.
Kranke Tiere müssen nicht mehr in den Selektionsstall getrieben werden – was immer Unruhe und Stress bedeutet – sondern werden automatisch in den Selektionsstall geleitet. Sie haben dann eben nur diese Möglichkeit, den Roboter zu verlassen. Wie viele Entscheidungsparameter er einprogrammiert und damit im Einzelfall den Roboter „machen lässt“, ist Büters Entscheidung. „Ich habe längst nicht alles an die Maschine abgetreten, ich mache noch relativ viel selbst.“

Was sind die Grundvoraussetzungen, damit das System Roboter/Standweide funktioniert?
„Erstens natürlich die Liebe zum Vieh und Disziplin. Wer glaubt, ich läge jetzt bis 9 Uhr im Bett, der irrt. Mein Tag beginnt nach wie vor um 6 Uhr, ich setze mich jetzt aber an den Computer und gehe nicht mehr an die Melkmaschine. Meine Kühe beobachte ich natürlich immer noch genau. Zweitens ist eine zuverlässige Technik wichtig und besonders ein sehr guter Service, denn technische Probleme gibt es immer mal wieder. Ich bin da mit der Fa. Lankhorst aus Neuenhaus sehr zufrieden. Der Motor des Systems aber ist die leistungsfähige, arrondierte Standweide.“

Täglich mehrmalige Datenkontrolle ist ein Muss
Täglich mehrmalige Datenkontrolle ist ein Muss

Wie sieht die Rationsgestaltung aus?
Neben dem Weidegras sind die Futterkomponenten Mais und eine sehr trockene Grassilage sowie das Kraftfutter beim Melken. Bei Bedarf gibt es Stroh als Strukturkomponente. TMR sucht man vergebens, die Futtervorlage am Futtertisch erfolgt manuell. Umfang und Zusammensetzung der Ration richten sich nach dem Leistungspotenzial der Standweide. Hier ist trotz aller Technik Fingerspitzengefühl gefragt. „Füttere ich zu wenig zu, geht die Leistung runter. Füttere ich zu viel, ist theoretisch mit Weideverlusten zu rechnen“. Theoretisch, denn die Tiere fressen lieber Frischgras als Silage, sodass die Verluste eher auf dem Futtertisch auftreten würden. Büters Wahlspruch ist Programm: „Was die Tiere sich pflücken, brauche ich nicht zu füttern“.
Ein weiteres Instrument ist die Beweidungszeit und damit die Beweidungsintensität. „Jetzt zu Beginn dürfen die Kühe nur von 10:00 bis max. 16:00 Uhr hinaus, steht die Weide „voll im Saft“, wird auch Nachtweide angeboten (von 20:00 bis 4:00). Die Grundfutterleistung schwankt natürlich, da sich das Futterangebot der Weide besonders im Frühjahr täglich ändert. Da muss man schon täglich genau hinsehen und entsprechend reagieren.“

Und die Kosten?
„Im Vergleich zum Anbindestall haben wir erheblich weniger Futterverluste, wir füttern von März bis November weniger Silage und haben geringere Lohnunternehmerkosten. Hinzu kommt, dass wir die Schnittweiden in Quaderballen silieren, da sind die Verluste ohnehin deutlich geringer als bei einem Fahrsilo, da wir viel gezielter beifüttern können.“ Der Roboter kostete ca. 115.000 Euro plus Montage etc., dafür fielen die Baukosten des Boxenlaufstalls erheblich geringer aus, weil kein großer Melkstand viel Platz benötigte.

Wie sieht die Grünlandpflege und -düngung aus?
Eine gewissenhafte Pflege der Grünlandflächen ist bei Büters ein Muss. „Die Standweide bekommt im Frühjahr bei optimalen Bedingungen ca. 25 m³ Rindergülle, danach wird sie geschleppt. Mitte/Ende Juni werden die überständigen Stellen ausgemäht und das Mähgut wird abgefahren. In dieser Zeit kommen die Tiere auf eine Ausweichfläche, die zu diesem Zeitpunkt den zweiten Schnitt hinter sich hat“, erläutert der Betriebsleiter.

Im Spätsommer werden die Flächen erneut ausgemäht und gegen Unkräuter behandelt. „Geplant ist immer, mindestens 1/3 der Fläche nach zu säen, wenn nötig auch mehr. Die Nachsaat ist elementar wichtig, um die Futterqualität und Leistung zu erhalten. Im Herbst haben wir hier auf diesem Überschwemmungsland bessere Erfahrungen gemacht als mit einer Nachsaat im Frühjahr.“ Mitte März erfolgt eine Düngung mit 2,2 dt/ha Kalkammon-N. „Ziel der Düngung ist es, nicht zu viel Masse zu bilden, sonst gibt es Probleme

die intensive Standweide wird breitflächig von den Tieren genutzt.
die intensive Standweide wird breitflächig von den Tieren genutzt.
mit Harnstoff in der Milch. Die folgende N-Gabe im Sommer beinhaltet dann 60–70 kg N – je nach Witterung“, erläutert der Betriebsleiter.

Was passiert bei extremen Niederschlägen wie im Sommer 2011?
„Gut gepflegte Weiden sind sehr trittfest – auch wenn es mal nasser wird. Die Tiere verteilen sich auch gleichmäßig über eine relativ große Fläche. Trittschäden haben wir nur im Stallausgangsbereich, wo wir gepflastert haben, damit es nicht zu matschig wird.“ Auch im nassen Sommer 2011 gab es keine Schwierigkeiten, weder mit der Hygiene noch der Tiergesundheit.

Wenn die Büters zurückblicken auf die Zeit des Anbindestalles, vermisst niemand etwas. Die Lebensqualität für die ganze Familie ist gestiegen – das Leben wird nicht mehr von den Melkzeiten bestimmt und über Handy ist man im Notfall auch außerhalb des Betriebes erreichbar. Eine bis 1,5 Arbeitsstunden/Tag erspart der Melkroboter Büter und seiner Frau, die sich im Betrieb ebenfalls voll einbringt. Freizeit? „Ja, wir können jetzt abends auch mal weg. Ich verbringe mehr Zeit mit der Bullenmast und der Nachzucht. Man hat auch mehr Zeit, über die kleinen Schrauben nachzudenken, an denen man noch drehen könnte.“ Soweit zum Thema Freizeit.

Das Gespräch führten Klaus Schulze Kremer und Dr. Anke Boenisch

Betriebsdaten:
25 ha Dauergrünland (Überflutungsgebiet)
15 ha Ackerfläche
Eierdirektvermarktung
Mitglied beim Milchkontrollverein Ohne/Samern/Schüttdorf
Fruchtfolge: Mais – Winterweizen – Futtergras (1. Schnitt im Ansaatjahr, max. Schnittzahl im 2. Jahr)
Herde: 61 Plätze plus Nachzucht + Bullenmast, Schwarzbunte
Herdenleistung: zzt. 9.200 l/Kuh
AKH: 2

 

Stand: 10.05.2012