Aktuelle Ausgabe 02/2018

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Roggen wird zunehmend auf die ertragsschwächsten Standorte verdrängt. Daher muss diese Kultur wie keine andere bei hohen Erträgen äußerst günstig produziert werden.
praxisnah sprach mit dem Roggenzüchter Dr. Franz-Joachim Fromme über seine neue, sehr leistungsfähige Hybridroggengeneration.

Herr Dr. Fromme, auf Veranstaltungen der SAATEN-UNION wurde von ganz neuen Sortentypen berichtet, die jetzt und in den kommenden Jahren zur Zulassung anstehen. Was unterscheidet Ihre „Turbohybriden“ von den bisherigen Sorten?

Dr. Fromme, Hybridroggenzüchter der HYBRO
Dr. Fromme, Hybridroggenzüchter der HYBRO
„Wir haben am Standort Kleptow jetzt 12 Jahre an dieser neuen Roggengeneration gearbeitet. Die zur Zulassung aktuell anstehenden Kandidaten bringen nicht nur deutlich höhere Erträge, sondern haben auch eine auffallend zügige Jugendentwicklung und eine gute Bestockung. Sie starten schon bei vergleichsweise niedrigen Temperaturen mit dem Wachstum und können daher die Winterfeuchte besser nutzen. In vielen Regionen, in denen Roggen typischerweise angebaut wird, ist eine Frühjahrstrockenheit wie in diesem Jahr schon eher die Regel als die Ausnahme. Diese neuen Hybriden, die wir unter anderem auch deshalb Turbohybriden nennen, sind zu Beginn der Trockenheit schon etwas weiter entwickelt. Daher kommen sie mit diesen extremen Bedingungen vergleichsweise gut zurecht und ihre Einkörnung ist auch unter Stress sehr sicher.
Zu der guten Gesundheit kommt eine gute Druschfähigkeit, denn die Abreife von Stroh und Korn verläuft sehr synchron.
Ich glaube, der Zuchtstandort Kleptow ist mit seinen nicht zu leichten Böden für derartige Selektionen optimal. Im kontinentalen Klima haben wir im Frühjahr generell mit Temperatur- und Trockenstress zu rechnen. Da der Boden nicht so leicht ist wie bei einem Sandboden, lässt er den Pflanzen noch eine Chance. Das heißt, die Pflanzen können z. B. durch eine verstärkte Wurzelbildung oder durch eine höhere Effektivität im Wasserhaushalt ihre Stressstabilität unter Beweis stellen. Diese unterschiedlichen Fähigkeiten der Pflanzen nutzen wir bei der Selektion und bei der Erstellung von neuem Ausgangsmaterial.“

Auf welche Zuchtziele haben Sie vorrangig selektiert – in welchen Punkten wollen Sie die bisherigen Sorten verbessern?
„Die Ertragsleistung ist natürlich immer das wichtigste Ziel, weil ertragsschwache Sorten auf dem Markt keine Chance haben. Aber gerade auf den sehr schwachen Standorten, auf denen Roggen zunehmend steht, ist auch die Absicherung der Erträge extrem wichtig. Die bereits angesprochene zügige Jugendentwicklung und die Stressstabilität sind für die Ertragsstabilität sehr wichtig.
In diesem Zusammenhang ist auch die Selektion auf vollständige Einkörnung zu erwähnen. Denn sie verringert auch unter schlechten Blühbedingungen die Gefahr der Schartigkeit und trägt so ebenfalls zur Absicherung der Erträge bei.“

Gute Einkörnung trotz Frühjahrstrockenheit
Gute Einkörnung trotz Frühjahrstrockenheit

Beim Stichwort „Einkörnung“ sind wir auch ganz nah am Thema „Mutterkorn“. Haben die neuen Hybriden auch das Iran-IX-Gen, auch vermarktet als „Pollen-Plus“?
„Wir arbeiten zwar auch mit diesem exotischen Gen, weil es in der Tat die Bestäubungsleistung stark verbessert. Aber leider sind Typen mit diesem Iran-IX-Gen auch langstrohiger, weniger standfest und in der Regel bei geringerem TKG auch weniger ertragsstark. Diese negative Kopplung der Eigenschaften wird in der Literatur auch als „linkage drag“ bezeichnet. Angesichts dieser großen Nachteile halten wir es noch für verfrüht, Hybriden mit diesem Iran-IX-Gen zu entwickeln, da im Moment die negativen Aspekte die positiven überwiegen."

Wie stellen Sie dann aber die gute Bestäubung sicher?
„Wegen der etwas schlechteren Stäubeleistung von Hybridsorten, mischen wir zusätzlich 10 % Populationsroggen ein. Dies sichert seit Jahren zuverlässig eine gute Bestäubung. Zudem achte ich als Züchter bei der Entwicklung von neuen Hybriden auf eine hohe Akzeptanz der Narbe für Pollen und eine große „Offenblütigkeit“. Dadurch verringert sich automatisch die Zeitspanne für eine eventuelle Mutterkorninfektion.“

Roggenblüte im Zuchtgarten
Roggenblüte im Zuchtgarten

Trotzdem liegen Ihre Sorten bei der offiziellen Mutterkornprüfung nicht vorne, warum ist das so?
„Bei dieser Prüfung werden die Prüfsorten künstlich mit den Sporen des Mutterkorns infiziert. Dabei erfolgt die erste Spritzung, wenn die ersten Sorten in der Hauptblüte sind, es folgen dann noch zwei bis drei weitere Beimpfungen im Abstand von zwei Tagen.

Da die Pflanze erst beim Öffnen der Blüte anfällig für die Mutterkornsporen ist, haben besonders die früher abblühenden Sorten – und damit die Turbohybriden – einen erheblichen Nachteil. Denn diese bekommen die Sporen bei jeder Beimpfung, also bis zu viermal, zu einem für sie anfälligen Zeitpunkt appliziert, später blühende Hybriden eventuell nur ein- bis zweimal. Zudem lege ich, wie gesagt, Wert auf eine sich unter natürlichen Bedingungen günstig auswirkende offene Blüte. Unter diesen extremen Bedingungen einer künstlichen Infektion ist dies aber kein Vorteil, sondern eher ein Nachteil.
Zudem werden die Sorten im Markt mit 10 % Populationsroggen-Beimischung verkauft, geprüft wird aber die „nackte“ Hybride.“

Durch die Zumischung einer ertragsschwächeren Population müsste es rein rechnerisch ja zum Ertragsrückgang kommen …
„Rein rechnerisch vielleicht, aber wir konnten durch intensive Tests nachweisen, dass es zu keinem Ertragsabfall gegenüber den „reinen“ Hybriden kommt, sondern der Ertrag gleich bleibt bzw. in Einzelfällen sogar zunimmt.“

Wann kommen Ihre neuen Hybriden und wann wird überhaupt Saatgut zur Verfügung stehen?
„Die Turbohybriden stehen unmittelbar vor der Zulassung, weitere in den verschiedenen Zulassungsjahrgängen. Neben den Körnersorten haben wir auch eine sehr interessante Doppelnutzungssorte im Rennen. SU Drive – so der Name – ist in Polen aufgrund guter Kornerträge bereits nach zwei Wertprüfungsjahren zugelassen und damit auch schon in Deutschland vertriebsfähig. Hier hat sie mit sehr guten Erträgen die drei Prüfjahre für Körnernutzung durchlaufen und steht aktuell im dritten Wertprüfungsjahr für GPS-Nutzung.
Aber auch die „deutschen“ Sorten – SU Allawi und SU Mephisto – bringen sehr hohe und sichere Erträge bei guter Blattgesundheit und bester Druschfähigkeit. Alle diese Sorten lassen sich mit vergleichsweise geringen Kosten auch auf leichten Böden gut produzieren. Für SU Allawi und SU Mephisto ist zur Aussaat 2011 allerdings nur wenig Saatgut verfügbar. Wir geben es bevorzugt an Betriebe ab, die sich intensiv mit neuen Sorten beschäftigen und z.B. Feldtage ausrichten. Für die Sortenwahl 2012 sollte man in der kommenden Feldsaison bei Feldtagen etc. gezielt auf diese Sorten achten.“

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Dr. Anke Boenisch
 

Stand: 08.07.2011