Aktuelle Ausgabe 02/2018

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Wie oft hat man es in den letzten zwei Jahren lesen können: Ein deutlicher Ertragsfortschritt sei mit klassischen Züchtungsmethoden nicht möglich. Die neuen Zulassungen im Winterweizen 2011 jedoch lehren Besseres: Züchtungsfortschritte in Ertrag und Qualität sind möglich! Dabei musste das Bundessortenamt bei der Qualitätsstufenzuordnung allerdings ganz neue Wege gehen.

Tobak
Tobak
In welche Qualitätsgruppe gehört eine Sorte, bei der alle Mahl- und Backeigenschaften im A-Bereich und besser liegen, deren Ertragsleistung aber so hoch ist, dass es bei der einheitlichen Stickstoffdüngung im Sortenversuch im Protein eben nicht für eine herkömmliche Einstufung als A-Weizen reicht? Diese völlig neue Problemstellung warf 2011 die Winterweizensorte Tobak auf, die im Durchschnitt der drei Wertprüfungsjahre 113 dt/ha und damit 12 dt oder 12 % Mehrertrag brachte als der Durchschnitt der Verrechnungssorten. Lediglich der über den Verdünnungseffekt verringerte Proteingehalt von unter 12 % verhinderte eine Eingruppierung in die Qualitätsstufe A. Letztlich ist Tobak dann als B*-Weizen eingestuft worden, wofür das * den Zusatz erhält „erfüllt im Rohproteingehalt in Sortenprüfungen mit einheitlicher Stickstoffdüngung aufgrund der sehr hohen Kornerträge nicht die Mindestanforderung“.
Tobak rel. Kornertrag
Tobak rel. Kornertrag

Ertragssteigerung sprengt den Rahmen
Diese Neuzulassung zeigt in jedem Fall aber deutlich, dass mit Hilfe der klassischen Züchtung weitere Ertragssteigerungen möglich sind. Die für den Kornertrag angelegte Ausprägungsstufe des Bundessortenamt-Rasters in der Stufe 9 für „sehr hohen“ Kornertrag wird deutlich überschritten. Tobak müsste eigentlich mit APS 10 in beiden Behandlungsstufen eingetragen werden (s. Tab. 1). Bei dieser Ertragshöhe werden natürlich auch entsprechend viele Nährstoffe verbraucht, was zu dem bereits genannten Verdünnungseffekt im Proteingehalt führt. Diese Zusammenhänge müssen in der Düngung beachtet werden. Vor allem dann, wenn Qualitätsweizen allein nach dem Proteingehalt vermarktet werden soll.

Das Ertragsziel bestimmt den Stickstoffentzug: Stickstoffentzug (Korn und Stroh) = Ertragserwartung in dt/ha x 2,3.

Der Faktor 2,3 ist eine übliche Faustzahl für die Schätzung des N-Entzugs bei 12 % Proteingehalt. Dieser Richtwert erhöht sich für E-Weizen bis auf 2,7 für Proteingehalte bis zu 14,5 % (DLG-Merkblatt 350, Praxishandbuch Dünger und Düngung (Harry Knittel und Erhart Albert). Bei einem Ertrag von 113dt/ha werden 260 kg N/ha entzogen (s. Tab. 2).Die Volumenausbeute ist für Müller und Bäcker ein sehr wichtiges Qualitätskriterium für Back-, Aufmisch- und Eliteweizen und wird auch durch den Proteingehalt beeinflusst. Häufig brauchen A-Weizen einen relativ hohen Proteingehalt, um entsprechend hohe Volumenausbeuten zu erreichen. Aber auch schon mit relativ niedrigen Proteingehalten erreicht Tobak eine gute Backqualität, auf A-Niveau. Das Backvolumen nimmt bei höherem Proteingehalt, wie er durch sortenangepasste Düngung realisiert werden kann, noch deutlich zu. Dies ist ein Indiz für die besondere Eiweißqualität.

N-Entzug abh. von Ertragserwartung
N-Entzug abh. von Ertragserwartung
Muss die Qualitätseinstufung bei Weizen neu definiert werden?
Das zurzeit gültige Raster der Qualitätseinstufung wird bereits seit einiger Zeit auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette diskutiert. Der Zusammenhang von Proteingehalt und Backvolumen/Backqualität wird durch die neue Genetik weiter überwunden. Eine gesteigerte N-Düngung, nur um den Proteingehalt anzuheben und damit die Mindestanforderungen des Handels zu erfüllen, ist allerdings fragwürdig geworden (S. Seling, 2010). Denn: Sorten mit hoher Stickstoffeffizienz geben den Überlegungen zum ökonomisch und ökologisch sinnvollen Einsatz von energieaufwändigen Stickstoffdüngern neue Impulse.

Der Landwirt sollte dann über den letztendlich angedüngten Proteingehalt selbst entscheiden (L. Hartl, 2010). Die neue Genetik ermöglicht es, selbst bei geringerem Stickstoffangebot ein aus rheologischer Sicht sehr hochwertiges Protein zu erzeugen. Diese Eigenschaft könnte auch nützlich sein, wenn das in N-Angebot limitiert oder reduziert ist, wie zum Beispiel in Wasserschutzgebieten oder im ökologischen Anbau.

Qualitätsbestimmende Merkmale
Qualitätsbestimmende Merkmale

FAZIT
Früher war der Proteingehalt ein wichtiger Einflussfaktor der relevanten Backeigenschaften. Daher wurde er als ein wichtiges Beurteilungskriterium beim Ankauf einer Weizenpartie herangezogen. Da mittlerweile diese Beziehung durch die neue Genetik aufgeweicht wird, muss ein Umdenken erfolgen. Wenn es das Ziel ist, gute Backqualitäten zu erreichen, müssen die Parameter zählen, die für die Backqualität entscheidend sind: Teigeigenschaften, Wasseraufnahme und Volumenausbeute. Aber es bleibt natürlich die Schwierigkeit, „an der Gosse“ im Schnellverfahren die Qualität zu bestimmen. Schon aus praktischen Erwägungen heraus wird dafür wohl zunächst noch weiter der Eiweißgehalt herangezogen werden. Abhilfe könnten hier partnerschaftliche Handelsbeziehungen schaffen, bei denen die Mühle sich der vom Erfasser angelieferten sortenreinen Partien sicher sein kann. Produzenten, denen zurzeit eine solche vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Produzent, Erfasser und Mühle (noch) nicht möglich ist, sei weiterhin die Notwendigkeit zwischen Höchstertrag und einer Kopfdüngung zur Proteinsteigerung ans Herz gelegt.

Dr. Stefan Kontowski und Stev Mundt

Stand: 12.05.2011