Aktuelle Ausgabe 02/2018

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Getreide ist der vielfältigste pflanzliche Energieträger. Mit dem Ertrag von einem Hektar (1) kann man 40 Menschen ein Jahr lang sättigen, 25 Schweine mästen, zwei Jahre lang ein Haus heizen, 35.000 km mit Bioethanol oder 100.000 km mit Biogas zurücklegen. Hinzu kommen ackerbauliche Vorteile. Betreiber von Biogasanlagen nutzen Getreide-GPS deshalb zunehmend als wirtschaftlichste Alternative zum Silomais!

Die Vorteile liegen auf der Hand

  • Bildquelle: landpix.de
    Bildquelle: landpix.de
    Als kühletolerante C3-Pflanze wächst Getreide auch dann, wenn die wärmebedürftigen C4-Pflanzen Mais oder Hirse nicht in Gang kommen wollen (Frühjahr 2005 und 2006)
  • Dank der zügigeren Frühjahrsentwicklung nutzt Getreide die Winterfeuchte besser. Nach der frühen Ernte im Juni/Juli steht oft auch noch genug Wasser für eine Zweitfrucht zur Verfügung.
  • Die frühe Ernte im Juni bis spätestens Anfang Juli ermöglicht auf vielen Standorten noch eine zweite Ernte – oder auch eine zeitgerechte Rapsaussaat.
  • Der zeitlich versetzte Entwicklungsrythmus im Vergleich zu Mais verdreifacht das Zeitfenster für die Gärrestausbringung. Das spart Baukosten, Personalkosten und Maschinenkosten.
  • Getreide kann vielfältiger genutzt werden als jedes andere Biogassubstrat: Nach dem Schieben als Grünroggen oder Grünhafer, bis zur Teigreife als Getreide-GPS und schießlich Sommergetreide als Zweitfrucht nach Wintergetreide-GPS.

Geschrotetes Korn ist aus Kostengründen nur noch als „Medizinalfutter“ zu vertreten, etwa bei drohender Alkalose der Betonkuh!

Gerste, Roggen oder Weizen?

  • Wintergerste kann bereits Anfang Juni geerntet werden und bietet dann noch genug Vegetationszeit für hochertragreiche Folgefrüchte. Besonders interessant ist die massenwüchsige, mittelspäte Sorte MERLOT, die 2006 in züchtereigenen Parzellenversuchen bis zu 19t TM erreichte!
  • Roggen entwickelt sich im Frühjahr so zügig wie Wintergerste und ermöglicht gleichzeitig so hohe Massenerträge wie Weizen oder Triticale. Als Grünschnittroggen eignet sich die frohwüchsigste Sorte PROTECTOR. Für spätere Erntetermine die Roggenhybriden RASANT und AMATO.
  • Weizen und Triticale kommen dann in Frage, wenn keine Zweiternte, sondern beispielsweise Winterraps auf dem Anbauplan steht. Sortentipp: MULAN, AKRATOS, VERSUS

Abb. 1: Ertrags- und TS-Entwicklung Roggen-GPS auf einem Trockenstandort
Abb. 1: Ertrags- und TS-Entwicklung Roggen-GPS auf einem Trockenstandort
Was bringt Getreide-GPS?
Hierzu sei am Beispiel des Roggens die Ertragsentwicklung in einem schwierigen und einem Hochertragsjahr erläutert.

In einem speziellen GPS-Versuch der SAATEN-UNION im Trockenjahr 2006 brachten die ertragreichsten Hybridroggensorten ASKARI und RASANT 66 bzw 73dt/ha Korn auf dem unberegneten Sandstandort Wulfsode (Abb. 1).

Der besonders frühwüchsige Grünroggen Protektor zeigte zum ersten Erntetermin Mitte Mai erfahrungsgemäß Vorteile im TS-Gehalt und auch in der Aufwuchsleistung. Bereits zur späten Milchreife Ende Juni überholten die ertragreicheren Hybridroggensorten den Grünschnittroggen und erreichten Erträge um 100-110 dt TM/ha – also etwa das 1,5-fache des Kornertrags. Zum Ende der Teigreife erreichten alle drei Sorten mit 120-140 dt TM/ha ihr Ertragsmaximum. Geeigneter für die Silierung und Vergasung ist allerdings das Stadium der beginnenden Teigreife. Hierfür ist der ortsübliche Kornertrag etwa mit dem Faktor 1,8 zu multiplizieren, um die zu erwartende GPS-TM-Leistung abzuleiten.

Abb. 2: TS- und Ertragsentwicklung des Winterroggens bei günstigen Voraussetzungen
Abb. 2: TS- und Ertragsentwicklung des Winterroggens bei günstigen Voraussetzungen
Auch 20 t sind möglich
Auf viel höherem Ertragsniveau bewegten sich die Ertragserhebungen der SAATEN-UNION auf einem Hochertragsstandort, wo Hybridroggen Kornerträge über 100 dt/ha Kornertrag realisiert (Abb. 2). Die Ergebnisse stammen aus einem SAATEN-UNION-Versuch zur Ertragsphysiologie verschiedener Roggensorten. Unter diesen wüchsigen Bedingungen erreichte Roggen bereits bei einem TS-Gehalt von 35 % TS Anfang Juli 230 dt TM/ha Gesamtertrag.

Tab. 1: Methan aus Getreide-GPS rechnet sich
Tab. 1: Methan aus Getreide-GPS rechnet sich
Getreide-GPS ist kostengünstig!
Weil Getreide-GPS häufig auf kühleren und trockeneren Standorten zum Anbau kommt, sind in der Praxis geringere Erträge als bei Silomais zu kalkulieren. Trotzdem rechnet sich Getreide-GPS aufgrund der niedrigeren Produktionskosten. Um ca. 70 € preiswerter ist selbst bei Hybridroggen die Aussaat, die Herbizidbehandlung kostet nur etwa die Hälfte und bei den Düngungs- Ernte- und Konservierungskosten sind im Hinblick auf die geringeren Erträge mit weniger Kosten zu rechnen. Nach der Beispielkalkulation in Tab. 1 ist Methan aus Getreide GPS selbst bei 2 t geringerem TM-Ertrag dank der 200 €/ha geringeren Bereitstellungskosten so günstig zu erzeugen wie aus Mais. Ein größerer Unsicherheitsfaktor ist die Methanausbeute, hier kommt es auch ganz wesentlich auf die individuellen Bedingungen im Fermenter an. Etwas niedrigere Methanausbeuten bei Getreide-GPS im Vergleich zum Silomais sind wohl nur dann anzunehmen, wenn man von zu spät geernteten, lignifizierten Getreidebeständen ausgeht.

Zweitkulturen nach Getreide-GPS?
In milderen Regionen, standortabhängig ab 700-800 mm Niederschlag, kann mit zwei Ernten das volle Standortpotenzial wirtschaftlich ausgenutzt werden. Hierzu bieten sich folgende Optionen:

Bildquelle: Sven Böse
Bildquelle: Sven Böse
Grünroggen vor Mais
Vorteilhaft ist die schnellwüchsigste Grünroggensorte PROTECTOR. Deren Saatgut ist aufgrund der unergiebigen Saatgutproduktion zwar teurer als üblicher Populationsroggen, dafür ist diese Sorte jedoch massenreicher und fünf Tage früher schnittreif als Körnersorten. Der Mais hat also ein wesentlich höheres Ertragspotenzial.

Sorghum nach Wintergerste
Wintergersten-GPS räumt schon Anfang Juni das Feld, auf warmen Standorten bieten sich neben extrem frühen Maishybriden (Sorte Revolver, S160) auch Sorghumhybriden an. Diese sind kostengünstiger in der Aussaat, besitzen eine hohe Unkrautunterdrückung und gelten als besonders trockentolerant.

Hafer nach Wintergetreide
Sommergetreide ist auf kühleren Standorten und kurzer Vegetationszeit anbausicherer als Hirse oder Sonnenblumen. Bei ausreichendem Wasserangebot bietet sich hier vor allem die Hafersorte NELSON an, die Frohwüchsigkeit mit vergleichsweise hohem Massenpotenzial verbindet (siehe Textfeld).

Untersaaten für „Könner“
Untersaaten gelingen nicht jedes Jahr, andererseits sind die Anbaukosten konkurrenzlos gering: 12-15 kg/ha Welsches Weidelgras GISEL (+ 4-5 kg/ha Rotklee PIRAT) als sehr konkurrenzstarkes Gemenge können bis Anfang April ausgebracht werden. Nach Ernte der Getreide-GPS hat die Feinsämerei ihre langsame Jugendentwicklung bereits hinter sich und kann dann als Zweitfrucht noch im Herbst bis 40 dt TM in einem Schnitt liefern, weitere Nutzungen im Folgejahr sind möglich!

Bildquelle: landpix.de
Bildquelle: landpix.de
Was ist anders an der Produktionstechnik?
Bestockungsfreudige, wüchsige, blattgesunde Sorten sind ideal für die GPS-Nutzung! Wichtig ist neben der rechtzeitigen, nicht zu dünnen Aussaat eine ausreichende N-Versorgung zum Vegetationsbeginn und zum Schossen in der Größenordnung von insgesamt ca. 140-160 kg N/ha inklusive Nmin. Herbizidmaßnahmen sollten möglichst im Herbst abgeschlossen werden, auch eventuelle WR-Anwendungen sind rechtzeitig mit CCC abzuschließen. Fungizidmaßnahmen lohnen bei sehr hohem Krankheitsdruck als frühe Maßnahme zum Schossen.

Entscheidend für eine hohe Methanausbeute ist der rechtzeitige Erntetermin vor einsetzender Lignifizierung. Moderne Getreidesorten sind auf beste Druscheigenschaften gezüchtet, reifen im Stroh also physiologisch früher ab als Stay Green-Maissorten. Der optimale Schnitttermin liegt deshalb in trockenen Jahren mit schneller Strohabreife gegen Ende der Milchreife, in wüchsigeren Jahren mit längerlebigerem Assimilationsapparat bei Beginn der Teigreife. Je höher der TS-Gehalt, umso kürzer muss gehäckselt werden – die Betonkuh ist kein Wiederkäuer!

Bis Juni muss die Entscheidung fallen
Nicht zu unterschätzen ist alternative Nutzungsmöglichkeit als lukrative Druschfrucht, wenn der Mais Ende Juni sehr gut steht und feste Preise bei Getreide absehbar sind. Besonders Roggenanbauer sollten deshalb sehr genau auf die Preisbildung im kommenden Frühjahr achten. Entwickelt sich ein lukrativer Markt für Feuchtbiomasse, kann dieser entsprechend bedient werden. Werden nach einem wüchsigen Frühjahr hohe Silomaiserträge prognostiziert, ist der Drusch wohl die lohnendere Alternative!

Sven Böse

(1) Bezogen auf einen Bestand mit 80 dt/ha Kornertrag (+ Stroh)

Stand: 01.01.2007