Aktuelle Ausgabe 03/2018

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Firmen, die hochwertige Lebensmittel aus Hafer herstellen, haben ein Problem: Sie müssen einen steigenden Haferbedarf im Lebensmittelmarkt bedienen und können ihren Rohstoffbedarf nicht decken. Zumindest nicht mit heimischen Haferpartien, weil diese zu selten sehr hohen Qualitätsstandards entsprechen.

40 Experten aus Nordeuropa, Deutschland und der Schweiz sahen dringenden Handlungsbedarf und sind der Einladung der Peter Kölln KGaA, der SAATEN-UNION GmbH und der schwedischen ScandinavianSeed AB gefolgt und in Elmshorn unter dem Motto „Züchtung trifft Verarbeitung – neue Anforderungen an die Haferqualität in Europa“ zusammengekommen.

Bildquelle: Dr. Steffen Beuch
Bildquelle: Dr. Steffen Beuch
Partien oft zu klein und inhomogen
Sowohl in Nordamerika als auch in Westeuropa steigt seit einigen Jahren der Verbrauch von Lebensmitteln auf Haferbasis. Die Anbauflächen in Deutschland sinken jedoch trotzdem. Als Konsequenz daraus fällt es den europäischen Schälmühlen zunehmend schwerer, ihren Bedarf an hochwertigem Qualitätshafer aus heimischer Erzeugung zu decken.

Aus Sicht von Dr. Stefan Hoth, (Leiter Kölln Qualitätslabor) bestimmen vor allem

  • die sensorischen (Farbe, Geschmack),
  • die technologischen (Besatz, Sortierung, spezifisches Gewicht, Feuchte, Spelzengehalt)
  • und die toxikologischen Eigenschaften (Mykotoxingehalte) den Wert des Haferkorns.

Bei der Peter Kölln KGaA werden seit einigen Jahren auch Proben von Landessortenversuchen mit Hafer aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein qualitativ untersucht, wobei in der Summe der Parameter der äußeren Kornqualität vor allem die Sorte IVORY als ausgewogen gut eingestuft wurde.

Haferverarbeiter benötigen große, homogene Haferpartien mit definierter Qualität, die jedoch zurzeit schwer zu beschaffen sind. In Deutschland sind die Partien oft klein und inhomogen, da eine Vertragsproduktion im Hafersegment kaum praktiziert wird. Letztere könnte sowohl Menge als auch Homogenität regeln und vor allem eine Vermarktungssicherheit gewährleisten.

Bestimmte Sortenprofile für die Vertragsproduktion
Das Haferzuchtprogramm des deutschen Marktführers Nordsaat Saatzucht GmbH ist eines der intensivsten in Europa. Dr. Steffen Beuch (Haferzüchter, Nordsaat Saatzucht GmbH) erläuterte, dass die unterschiedlichen Anforderungen an Hafersorten in den verschiedenen Klimagebieten Europas eine sehr aufwendige Züchtungsarbeit erforderlich machen. Am Beispiel der Sorte IVORY demonstrierte er den komplexen Entwicklungsweg einer Hochqualitätshafersorte von der Kreuzung bis zur Vermarktung. Nur wenn Versuche in einer Vielzahl europäischer Länder hohe Kornerträge, eine ausgewogene Agronomie und exzellente Qualitätseigenschaften zeigen (siehe Abb.1), hat eine Sorte europaweit eine reelle Vermarktungschance. Dies ist bei IVORY der Fall.
Die Zukunft der Haferzüchtung wird nach seinen Aussagen von dem in der Praxis umsetzbaren Zuchtfortschritt, dem Einkommen für die Züchtung, aber auch neuen Formen der Zusammenarbeit in der Haferproduktion wie z.B. Vertragssystemen zur Qualitätshaferproduktion abhängen.

Abb. 1: Was braucht die Industrie? Wenig Spelze, viel Korn!
Abb. 1: Was braucht die Industrie? Wenig Spelze, viel Korn!
Technische Anforderungen an den Hafer: 60 % Flockenanteile
Volker Strobel (Schweizer Bühler AG) erläuterte den umfangreichen und sehr komplexen Verarbeitungsweg von Hafer in Schälmühlen zur Erzeugung qualitativ hochwertiger Endprodukte für die menschliche Ernährung. Dieser Verarbeitungsweg stellt eine Reihe technischer Anforderungen an den Rohstoff Hafer. Der Einfluss der Sorte auf die Verarbeitbarkeit äußert sich dabei neben dem Spelzengehalt, der entscheidend für die erzielte Ausbeute ist, in der Entspelzbarkeit und dem Anteil beschädigter Kerne. So bleiben letztendlich von 100% Haferrohware, die in den Verarbeitungsprozess gehen, etwa 60 % in der Kleinflocken- und 61 % (ohne Teilung) in der Großflockenproduktion übrig. Wünschenswert wäre aus seiner Sicht zur Verbesserung der Verarbeitungseignung ein hoher Anteil heller Kerne und ein niedriger Flaumanteil am Kern, da diese die Ausbeute als wichtiges ökonomisches Kriterium weiter vergrößern.

Neu: Hafer als Energiegetreide
MatsJönsson (Getreidehändler, SvenskaFoder AB, Schweden) gab einen Überblick über die sich abzeichnenden Trends auf dem Welthafermarkt. Von der weltweiten jährlichen Haferproduktion von ca. 28 Mio. t werden 2 Mio. t gehandelt. Hauptimporteur sind die USA, die ungefähr 80 % des Welthandels aufnehmen. Hauptproduzenten in der EU sind Polen, Finnland, Deutschland, Schweden, Spanien und Großbritannien. Von den 8 Mio. t Hafer, die in der EU-25 jährlich produziert werden, könnte nahezu die gesamte Menge auch in der Gemeinschaft selbst verbraucht werden. Die Nutzung von Hafer ist in Europa neben der Schälmüllerei vor allem in der Pferde-, Schweine- und Wiederkäuerfütterung konzentriert. In Schweden ist die Verbrennung von Hafer, einer traditionellen Low-Input-Kultur, zur Energieerzeugung der neueste Trend, da Hafer aufgrund seines weichen Kerns und hohen Fettgehaltes von allen Getreidearten am besten dafür geeignet ist.

Für die Zukunft des Haferanbaus in Europa ist es entscheidend, zu neuen Formen der Zusammenarbeit zu kommen.
Dr. Hans-Friedrich Finck (Geschäftsführer SAATEN-UNION GmbH) betonte, dass die Züchter frühzeitig über zukünftige Sortenansprüche seitens der Verarbeitung in Kenntnis gesetzt werden müssen, um diese in ihre Züchtungsaktivitäten zu integrieren. Die marktgerechte Erzeugung mit homogenen Partien mit definiertem Qualitätsprofil funktioniere am sichersten im Rahmen einer Vertragsproduktion, ähnlich wie bei der Braugerste.

Dr. Steffen Beuch

Der Getreidenährmittelverband – Sparte Schälmühlen gibt bekannt:
Die deutschen Hafermühlen bewerten die aktuelle Situation auf dem Hafermarkt bereits zum jetzigen – noch frühen – Zeitpunkt im Getreidewirtschaftsjahr als dramatisch! (…)
Derzeit ist es den deutschen Mühlen durchweg nicht möglich, ihren Bedarf zu decken. Dabei handelt es sich weniger um ein preisliches, sondern um ein quantitatives Problem, es ist einfach keine verfügbare Ware vorhanden. Insbesondere die Skandinavier halten sich mit Exportangeboten derzeit sehr zurück, wohl teils aus spekulativen Gründen, teils aber auch mangels eigener Bestände. Stand: 10.11.2006

Stand: 10.11.2006