Aktuelle Ausgabe 03/2018

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Der Wandel der wesentlichen klimatischen Faktoren beeinflusst zunehmend unsere landwirtschaftlichen Nutzpflanzen. Auf was müssen sich die Landwirte/innen mittelfristig einstellen?

praxisnah befragte Dr. Lissy Kuntze, Braugerstenzüchterin bei der Nordsaat Saatzucht GmbH, zu ihren Prognosen.

Dr. Lissy Kuntze
Dr. Lissy Kuntze
Frau Dr. Kuntze, wird unsere Sommergerste Opfer des Klimawandels?
Besondere Sorge bereitet mir, dass die Zunahme der Wetterextreme immer wahrscheinlicher wird. Die lang anhaltende Trockenperiode in diesem Jahr führte auch bei der Sommergerste zu Ertragsverlusten gekoppelt mit schlechter Sortierung. Den deutschen Mälzern fehlen aus der Ernte 2006 ca. 1 Mio. t braufähige Sommergerste! Auch die zunehmenden Starkregenereignisse können zu verheerenden Ausfällen führen.
Die derzeitig zu beobachtenden tendenziellen Veränderungen in Temperatur und Wasserverteilung lassen bisher nur geringfügige Veränderungen in der Pflanzenentwicklung erkennen. Die Wachstumsphasen werden stark durch den Witterungsverlauf gesteuert – Niederschlagsmenge und -verteilung, Temperaturen im Vegetationsverlauf, Sonnenscheindauer und CO2-Konzentration. Steigende Durchschnittstemperaturen werden z.B. die einzelnen Entwicklungsphasen bei Sommergerste verändern: So führt Wassermangel in Kombination mit Temperaturerhöhung zu einer Verkürzung des Biomassezuwachses und damit in der Regel zu einem Ertragsverlust.

Werden unsere Pflanzen dann zukünftig kränker?
Klimawandel bedeutet für die Pflanzen vor allem häufigere Stresssituationen. Je mehr Stress, desto anfälliger wird die Pflanze für biotische und abiotische Krankheiten sowie Schaderreger. Einige Wetterkonstellationen begünstigen aber ganz einfach auch die Entwicklung der Schaderreger, so dass der Infektionsdruck steigt. In den letzten Jahren beobachten wir eine Zunahme der nichtparasitären Blattflecken mit regionalen Unterschieden. Die betroffenen Bestände reifen schneller ab und schöpfen das volle Ertragspotenzial nicht mehr aus. Innerhalb des Ursachenkomplexes spielt die Strahlung eine wichtige Rolle. Hohe Temperaturen in Verbindung mit sinkenden Niederschlägen können eine Zunahme an tierischen Schaderregern zur Folge haben: Zum Beispiel bei Sommergerste ein erhöhter bzw. stärkerer Blattläusebefall. Positiv ist, dass bei steigenden Temperaturen und Trockenheit Pilzkrankheiten wie Rhynchosporium secalis seltener auftreten werden, da die Pilze für ihre Verbreitung Wasser benötigen.

Tab. 1: Ergebnisse der Landessortenversuche 2006 von ausgewählten Stressstandorten
Tab. 1: Ergebnisse der Landessortenversuche 2006 von ausgewählten Stressstandorten
Wie züchten Sie stresstolerante Sorten?
Wir versuchen bereits bei der Kreuzung „robuste“ Eltern auszuwählen. Die Selektion des jungen Zuchtmaterials unter abiotischen Stressbedingungen ist ein weiterer wichtiger Punkt in der gezielten Sortenentwicklung. Hier werden Typen mit schneller Jugendentwicklung, frühem Ährenschieben und Reife ausgewählt. Auch die Standfestigkeit haben wir fest im Blick, denn das Risiko plötzlicher und starker Regenfälle stellt zunehmend höhere Ansprüche an die Standfestigkeit der Sommergerste.
Auf den Wandel des Spektrums der biotischen und abiotischen Krankheiten wird die Pflanzenzüchtung mit veränderten Prüf- und Selektionsbedingungen reagieren. Da Klimawandel aber nicht von heute auf morgen passiert, können wir mit unseren modernen Zuchtmethoden die Sorten kontinuierlich anpassen.

Welche Sommergerstensorten haben 2006 die Trockenheit am besten verkraftet?
Die Landessortenversuche 2006 lassen bei der Betrachtung von speziellen Standorten klare Sortenunterschiede bezüglich der Trockenstresstoleranz erkennen. In der Tabelle 1 sind die relativen und absoluten Kornerträge von geprüften Braugerstensorten von 11 Stressstandorten aus 5 südlichen Bundesländern dargestellt. Es wurden nur die Versuchsorte ausgewählt, bei denen der Mittelwert des Kornertrages aller Sorten deutlich unter dem 5-jährigen Mittel liegt. Die Betrachtung der Daten zeigt deutlich, dass vor allem zwei Sorten die Nase vorn haben: Trotz abiotischen Stresses erreichten MARTHE und BELANA im Vergleich sehr hohe Erträge. Unsere Züchtungsstrategien gehen also klar in die richtige Richtung und wir sind überzeugt davon, dass wir auch zukünftig den veränderten Bedingungen angepasste Sorten zur Verfügung stellen können.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Dr. Anke Boenisch.

Stand: 01.10.2006