Aktuelle Ausgabe 02/2018

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Nach dem kontinentalen Winter 2005/2006 nun 2006/2007 genau das Gegenteil: Der wärmste Herbst und der wärmste Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen – und das innerhalb eines Vegetationsjahres! Mit dem Klimawandel müssen alle Anbaumaßnahmen auf den Prüfstand, vor allen anderen die Saatzeit! Denn diese bestimmt den Phänotyp und die Physiologie der Pflanzen weitreichender als andere Anbaumaßnahmen.

Serie: Saatzeit - Frühsaat auf dem Prüfstand
Serie: Saatzeit - Frühsaat auf dem Prüfstand
Temperatursumme im Herbst heute 100° höher
Der Klimawandel verlängert die Bestockungsphase des Wintergetreides und wirkt entwicklungsphysiologisch gesehen wie eine vorgezogene Aussaat. So haben die Temperatursummen (>5°) von September bis Mitte November in den letzten 20 Jahren von 400° auf mittlerweile 500° zugelegt. Der Herbst 2006 schlägt mit 670° alle bisherigen Rekorde und bricht aus dem Aufwärtstrend weit nach oben aus. (Beispiel Gülzow, Schulz 2006)!

 

Saatzeit und Vorwinterentwicklung
Eine frühe oder späte Saat ist nicht am Datum festzumachen, sondern an der Vorwinterentwicklung:

Sehr frühe Saat:
Die Pflanze erreicht bereits vor Winter das Bestockungsende (EC 29). Die generative Phase (EC 30) wird nicht eingeleitet, dazu fehlt die Vernalisation und der Langtag. Daher werden bei anhaltender Vegetation unzählige Bestockungstriebe zweiter und dritter Ordnung angelegt.

Frühe Saat:
Bei regionstypischem Witterungsverlauf wird das Stadium der Hauptbestockung (EC 25) erreicht. Die Bestockungstriebe breiten sich kriechend am Boden aus, die Blätter sind typisch spiralig, im Stängel differenzieren sich die Ährchenanlagen.

Mittlere Saatzeit:
Die Pflanzen bilden vor Winter normalerweise ein bis drei Bestockungstriebe aus (EC 21-23). Zu diesem Zeitpunkt differenzieren sich im Vegetationskegel die Ährchenringe von den Blattringen („Doppelringstadium“).

Späte Saat: Die Pflanzen erreichen gerade noch das Dreiblattstadium (EC 13), sehr späte Saaten gar nur ein Blatt vor Winter (EC 11). Es haben sich noch keine Sekundärwurzeln gebildet, die Keimpflanzen leben von den Saatkornreserven.

Die Saatzeit wurde vielerorts in den letzten Jahren deutlich vorgezogen. Schließlich versprechen Frühsaaten mehr Ertrag, weil die Ertragskomponenten früher fixiert werden, eine bessere Arbeitsverteilung und eine bessere Auslastung der Drilltechnik. Dem stehen allerdings Risiken gegenüber, die mit zunehmender Erwärmung dramatisch zunehmen.

  1. Die Pflanzen leiden stärker und früher unter Krankheiten und Schädlingen: Was nützt das größte Wurzelwerk, wenn es durch Halmbruch, Schwarzbeinigkeit oder Rhizoctonia geschädigt ist? Die Spezialbeizung gegen virusübertragende Insekten und Schwarzbeinigkeit sowie zusätzliche Herbizid-, Wachstumsregler- und Fungizidapplikationen kosten schnell 100 €/ha, umgerechnet 8–9 dt/ha! Bodenbürtige Virosen sowie Wurzel- und Stängelählchen werden ebenfalls gefördert, alle praktisch ohne Bekämpfungsmöglichkeit.
  2. Ein weiteres Risiko liegt in der dramatisch anwachsenden Konkurrenz zwischen den vielen Bestockungstrieben. Die beiden Triebe 2. Ordnung sind noch genauso leistungsfähig wie der Haupttrieb, auch die vier daraus entspringenden Triebe können noch maßgeblich zum Ertrag beitragen. Die zahllosen Triebe 4. und 5. Ordnung jedoch schwächen die Leistungsfähigkeit der Pflanze, weil sie an den älteren Trieben parasitieren.
  3. Auch die Winterfestigkeit leidet unter extremen Frühsaaten, das hat der Winter 2006/07 in Nordostdeutschland dramatisch gezeigt. Die höhere physiologische Aktivität bzw. Wüchsigkeit einiger moderner Weizensorten verkürzt die Winterruhe und ist in vielen Anbausituationen ein großer Vorteil. Zusammen mit sehr früher Saat und einer extrem wüchsigen Herbst- und Winterwitterung führt diese Vitalität jedoch zu „vergeilten“ Beständen mit höherem Auswinterungsrisiko.

Abb. 1: Jahreseffekte, Abb. 2: Regionseffekte
Abb. 1: Jahreseffekte, Abb. 2: Regionseffekte
Grundwissen auffrischen
Die grundlegenden Zusammenhänge rund um die Saatzeit und Saatstärke lassen sich beispielhaft an aufwendigen Frühsaatversuchen der SAATEN-UNION in Nord- und Nordostdeutschland erklären – auch die LK Hannover steuerte zwei Jahre lang Standorte bei. In diesen Versuchen wurde Hybridroggen am 10. September, 20. September sowie Anfang Oktober mit jeweils eigener Saatbettvorbereitung und drei bis vier Saatstärken gedrillt. Alle Aussaatvarianten wurden in Wechselwirkung mit drei N-Düngungssystemen geprüft sowie mit und ohne Wachstumsregler- und Fungizideinsatz. Abb. 1 gibt einen Überblick über die Jahreseffekte. Hierzu wurden die ortsüblich gedüngten und behandelten Anbauvarianten mit den saatzeitangepassten Saatstärken zusammengefasst. Diese wurden für die Frühsaat (10. September) mit 100 Kö/m2 unterstellt, mit 150 Kö/m2 für die Normalsaat um den 20. September und 200 Kö/m2 für die spätere Aussaat Anfang Oktober.

Aussaatempfehlung ASKARI 2007
Aussaatempfehlung ASKARI 2007
Raues Jahr
1996 wies mit sechs Monaten Dauerkälte ab Mitte November eine extrem kurze Vegetationszeit auf. Die Frühsaaten konnten noch von dem warmen Oktober profitieren, für die Normalsaat zum Monatswechsel hingegen war die Bestockung zu kurz, es fehlten leistungsfähige Nebentriebe. So waren alle Vorteile auf der Seite der Frühsaat. Überraschend brachte im Mittel der Standorte die Frühsaat selbst in diesem rauen Jahr lediglich 0,6dt/ha mehr als die Normalsaat, die 14 Tage spätere Saat fiel um 2 dt/ha ab.

Hochertragsjahr
Der September 1996 war der kälteste seit 25 Jahren. Zusammen mit dem anhaltend trockenen Keimhorizont führte dies zu erheblichen Entwicklungsverzögerungen der frühen Aussaat, die deshalb kaum eher als die mittlere Saatzeit auflief. Die extrem warmen Monate Februar und März ermöglichten einen sehr frühen Vegetationsbeginn, der eher kühle April verlängerte die vegetative Entwicklung. Dies ermöglichte eine exzellente Einkörnung und zusammen mit der günstigen Witterung während der Kornfüllung ein herausragend hohes Ertragsniveau. Auch in diesem Jahr brachte auf beinahe allen Versuchsstandorten bereits der mittlere Saattermin um den 20. September die höchsten kostenbereinigten Erträge, die spätere Saat fiel dagegen um ca. 4 dt/ha ab.

Abb. 3: Einfluss der Saatzeit und Saatstärkeneffekte auf den Kornertrag
Abb. 3: Einfluss der Saatzeit und Saatstärkeneffekte auf den Kornertrag
Warmtrockenes Jahr
Das Prüfjahr 1998 war ausgesprochen mediteran und ist im Hinblick auf den Klimawandel von besonderem Interesse. Einem kühlen, feuchten Oktober folgten ab Dezember acht Monate mit überdurchschnittlichen Temperaturen bei moderater Trockenheit. Im Mittel der vier Standorte brachte die mittelfrühe Saatzeit um den 20. September mit Abstand die höchsten Erträge, sowohl die sehr frühe wie auch die spätere Aussaat fielen empfindlich ab.

Verantwortlich für diese Effekte war das massive Krankheitsauftreten: Mehltau, Rhynchosporium und Braunrost bauten sich bereits über Winter auf. Fungizidmaßnahmen brachten nach der sehr frühen Aussaat bis zu 37 dt/ha Mehrertrag!

Kontinentalstandorte früher drillen
Natürlich sind diese Ergebnisse nicht für alle Regionen über einen Kamm zu scheren. Über drei Jahre gemittelt zeigt sich auf dem Weizenstandort Sülbeck und auf den Heidestandorten ein klarer Vorteil für die mittelfrühen Saattermine um den 20. September. In Ostdeutschland (inkl. Königslutter) zeichnet sich eine positive Tendenz zu noch früheren Saatterminen (Abb. 2) ab. Das gilt erst recht auf extremen Trockenstandorten, die in dieser Versuchsserie jedoch unterrepräsentiert sind.

In Abb. 3 ist die Wechselwirkung von Saatzeit und Saatstärke im Mittel dreier Standorte dargestellt. Danach gibt es im dreijährigen Mittel bei den sehr frühen und mittelfrühen Saatzeiten ein Ertragsoptimum bei 150 Kö/m2, bei der späteren Saat sind 200 Kö/m2 wirtschaftlicher.

Bildquelle: Amazone
Bildquelle: Amazone
Alle zwei Jahre einen Tag später drillen!
Viele Saatzeitenversuche zeigen, dass für Weizen, Triticale und Roggen unter pflanzenbaulichen Aspekten eine Vorwinterentwicklung bis EC25 ideal ist.

Der dazugehörige Saattermin ist von erfahrenen Pflanzenbauer standortspezifisch abzuschätzen. Auf einem kalten Tonstandort in höheren Mittelgebirgslagen kann Mitte September optimal sein, auf milden Standorten (z.B. Niederrhein) Mitte Oktober. Entscheidend ist also die standortspezifische Temperatursumme vor Vegetationsruhe. Steigt diese im Mittel beispielsweise um 5 °C jährlich an, so ist die Saatzeit rein statistisch alle zwei bis drei Jahre um einen Tag nach hinten zu verlegen – nicht nach vorne wie bisher!

Fazit:

  1. Schon unter herkömmlichen Klimabedingungen sind sehr frühe Saaten nicht wirtschaftlich, erst recht gilt das zukünftig bei immer längeren Wachstumsphasen im Kurztag.
  2. Ein deutlicher Ertragabfall der Frühsaaten ist in warmen Vegetationsjahren mit sehr hohem Krankheitsdruck zu erwarten. Bodenbürtige Virosen, Cephalosporium, Nematoden und einige Wurzelerkrankungen sind mit Pflanzenschutz nicht ausreichend zu kontrollieren, außerdem steigt das Auswinterungsrisiko
  3. Unter den zunehmend maritimen Klimabedingungen Westdeutschlands (feuchte, warme Winter) sowie in den Küstenregionen sind sehr frühe Saattermine unbedingt zu vermeiden.
  4. Die kontinentalen Binnenstandorte Ostdeutschlands werden noch trockener. Hier überwiegen – bei relaitv geringem Krankheitsdruck – wohl auch zukünftig die Vorteile zeitiger Saaten im Hinblick auf die Wasserverwertung.

Sven Böse

Stand: 01.04.2007