Aktuelle Ausgabe 03/2018

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Manche Menschen finden jeden Cent auf dem Bürgersteig. Sie entsprechen dem Urtypus des Goldsuchers, und nicht selten sehen sie Dinge, die anderen verborgen bleiben. Anfang Juli diesen Jahres bekamen sie beispielsweise, sofern sie ein Maisfeld betraten, etwas Seltenes zu Gesicht: „Maisfüße in Aspik“.

Die Kronenwurzeln, in diesem Jahr ungewöhnlich zahlreich und kräftig auf ihrem Weg in Richtung Erdreich wachsend, waren überzogen von etwas, das aussah wie eine dicke, klare Gelatine.

Bildquelle: Dr. Andreas Groß
Bildquelle: Dr. Andreas Groß
Selten sichtbares Phänomen
Wie häufig bei ungewöhnlichen Phänomenen im Leben der Pflanzen, liegt die Erklärung auch in diesem Fall im Aufeinandertreffen besonderer Umstände. Regenschauer hatten wochenlang immer wieder für hohe Luftfeuchtigkeit und einen weichen Oberboden gesorgt. Zunächst verschlechterte sich also die Verankerung der Pflanze im Boden. Später, zum Zeitpunkt der Beobachtung, verhinderte die hohe Luftfeuchtigkeit ein rasches Eintrocknen der „Aspikschicht“.

Eine Vielzahl stürmischer Winde hatte weit häufiger als sonst die noch jungen Pflanzen immer wieder durchgeschüttelt, die naturgemäß alle Kraft in das typische starke Streckungswachstum vor der Blüte steckten. Die starken mechanischen Belastungen, die über den Winddruck auf Wurzel und Stängel einwirkten, regten die Knospen am untersten Stängelknoten dazu an, intensiv Kronenwurzeln zu bilden. Kronenwurzeln haben die Aufgabe, die Pflanze besser im Boden zu verankern und den am stärksten belasteten Stängelabschnitt am Fuß der Pflanze zu stabilisieren.

Als die unterste Etage der Kronenwurzeln im Boden eingewachsen war und die Stürme noch immer nicht unterblieben, verlagerte sich die Belastung auf den nächsthöheren Stängelabschnitt. So bekam der zweite Stängelknoten den Impuls zur Bildung der Stützwurzeln. Da sie von dort aus einen weiten Weg bis zum Boden haben, ist die Chance entsprechend höher, sie mitten im Wachstum zu beobachten.

Exsudate: raffinierte Strategie der Pflanze
Ist der Oberboden feucht, nehmen auch Kronenwurzeln Nährstoffe auf. Die Wurzel bedient sich hierfür eines Tricks, um besser an bestimmte Stoffe heran zu kommen, und sei es nur über eine geringfügige Veränderung des wurzelnahen pH-Wertes: Sie scheidet Stoffe aus, fachchinesisch nennt man sie Exsudate 1.

Die Abgabe von diesen Substanzen durch die Pflanzenwurzel erfolgt zur Anpassung der Bedingungen im Boden an die Bedürfnisse der Pflanze oder um Nährstoffe verfügbar zu machen. Zum Beispiel Stoffe, die bei Eisenmangel von der Wurzel abgeschieden werden und das begehrte Eisen in ein so genanntes Chelat einbinden 2. Diese Verbindung ist dann leicht aufnehmbar – eine beeindruckende chemische Überlebensstrategie der Pflanze.

Relevanz für die Praxis?
Die Tatsache, dass wir die aktiven Wurzelausscheidungen in dieser Saison in der Gestalt eines Aspik-Überzuges der Kronenwurzeln überhaupt zu Gesicht bekamen, hatte also mehrere Gründe: Erstens regten Sturmwinde bis in die intensivste Wachstumsphase der Pflanze hinein die Bildung von Kronenwurzeln sogar am höher gelegenen zweiten Stängelknoten an. Zweitens verhinderte der andauernde Regen ein sofortiges Eintrocknen der Wurzelausscheidungen.

Unmittelbar praxisrelevant ist diese Geschichte sicher nicht, und damit eher etwas für speziell interessierte „Maisflüsterer“. Dennoch verbirgt sich in ihr ein wichtiger Hinweis: Die intensive Stabilisierung der Stängelbasis der Maispflanzen hat bewirkt, dass mit Sicherheit weit mehr Lignin als üblich eingebaut wurde. Die Silomaisanbauer waren daher gut beraten, eine gute Handbreit höher zu häckseln.

Dr. Andreas Groß

1 Exsudate sind in der Regel lösliche, kurzkettige, organische Substanzen mit niedriger molarer Masse, zum Beispiel organische Säuren oder Zucker.
2 spezielle Form von Exsudaten: Siderophore

Stand: 01.10.2007