Aktuelle Ausgabe 04/2018

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Staunässe im Herbst 2007 und Frühjahr 2008, extreme Tag-Nacht-Schwankungen im März/April, sechs Wochen Trockenheit zur Ährendifferenzierung –vieles deutete 2008 auf eine mittelmäßige bis schlechte Ernte hin. Warum dann doch die Ergebnisse anders kamen, analysiert die Ertragsphysiologin Dr. Ute Kropf, Fachhochschule Kiel.

Immer mehr Ertrag steht bei Getreide auf immer weniger Pflanzen - eine intakte „Saftleitung“ ist daher elemanter. Offenbar spielen die kaum sichtbaren Schädigungen von Wurzel und Bestockungsknoten in der Versorgung der Pflanze eine sehr viel größere Rolle als es bisher bekannt ist.

Die lehmigen Standorte hatten im Norden am wenigsten unter den schwierigen Bedingungen gelitten, das belegen übereinstimmend Landessortenversuche und Praxiserträge. Weizen und Gerste erreichten hier Flächenerträge bis zu 125 dt/ha! Die großen Verlierer nach der langen Trockenphase im April und Mai waren die leichteren Standorte. Hier lagen die Gerstenerträge auf Böden unter 40 BP 10-15 dt/ha unter dem Schnitt der letzten Jahre. Auf den leichteren Standorten der Geest wurden vertrocknete Gersten sogar vorzeitig abgemäht, im Weizen waren erhebliche Ährchenreduktionen zu beobachten.

LSv Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern
LSv Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern
Wie konnten die enormen Erträge auf den besseren Böden trotz schlechter Wurzelentwicklung und Trockenheit während der Reduktionsphase der Blüten und Ährchen zustande kommen? Wirft das Jahr 2008 unser Wissen über ertragsphysiologische Zusammenhänge über den Haufen?

Doppelt lange Ährendifferenzierung
Die Entwicklung der Bestände stand schon ab dem nassen Jahrhundertsommer 2007 unter schlechten Vorzeichen. Wenn überhaupt, konnte nur später Weizen ab der zweiten Oktoberwoche in eine abgetrocknete Krume gedrillt werden. Bis dahin erfolgten alle Aussaaten unter viel zu nassen Bedingungen. Auch in den folgenden Monaten wurde die Wurzelentwicklung permanent behindert: Sauerstoffmangel durch Übernässe von November bis März, keine Frostgare, die Luft in die Böden gebracht hätte und viel zu niedrige Temperaturen, die das Abtrocknen der Böden verzögerten. Bis in den Mai hinein war vor allem im Weizen zu beobachten, dass die Wurzelverzweigung und Feinwurzelbildung kaum stattgefunden hatte – das Hauptwurzelwerk konzentrierte sich auf die langsam austrocknende Krume. Einziger Lichtblick war, dass sich die Bestände über „Winter“ bei +4° C permanent weiter bestockten und den Entwicklungsrückstand in ausreichend dichte Bestände zu Vegetationsbeginn umsetzten.

Der Vernalisationsbedarf war spätestens Anfang Dezember erfüllt, so dass der Weizen bei zunehmender Tageslänge ab Ende Februar in die generative Phase (Doppelring-Stadium) umsteuerte. Das war sechs Wochen früher als in einem Jahr mit Vegetationsruhe wie 2005/06 und immer noch zwei Wochen früher als in dem wüchsigen Vorjahr 2006/07! Dies ist dann auch schon der erste entscheidende Vorteil im Vergleich zu anderen Jahren mit extremen Witterungsbedingungen: Die Anlage von Ährchen und Blüten begann wesentlich früher und dauerte nicht die üblichen 30 Tage, sondern 50-60 Tage! In dieser Zeit standen die viel zu kurzen Wurzeln noch in der feuchten, nährstoffliefernden Krume. Mit der langen Ährendifferenzierung bei ausreichender Nährstoffversorgung war der Grundstein für eine hohe Korndichte gelegt.

Die fehlende Frostgare erwies sich im trockenkalten April offenbar eher als Vorteil, da die dichten Böden so nur langsam von oben nach unten austrocknen konnten. Während die Krume bei anhaltender Trockenheit in der gesamten Reduktionsphase (Große Periode bis Blüte) bis auf 20 % nFK ausgetrocknet war, hatten die Böden unterhalb der Krume oft noch ausreichende Wasserreserven (50-70 % nFK). Ohne diese Wasserreserven aus den tieferen Bodenschichten wären viele Blütenanlagen in der Reduktionsphase wieder verloren gegangen.

Hohe Korndichte nach früher Entwicklung
Die Ergebnisse unserer Versuche zeigen klar die Sorten, die mit dieser Situation am besten zurechtkamen: Jenga, Mulan und Gecko waren im Vorteil, weil sie früh mit der Ährendifferenzierung begannen und diese auch schon Anfang Mai – eine Woche vor den anderen Sorten – beendeten. Damit kamen sie ab Mitte Mai während der Reduktionsphase weniger in Bedrängnis und brachten mehr Kornanlagen durch. Eine frühe Abreife hingegen war eher ein Nachteil, weil die Niederschläge für die Kornfüllung dann zu spät kamen.
In der Gerste und in den sehr früh gedrillten Weizenbeständen trat dieser Effekt besonders deutlich auf. Hier wurde der Mehrertrag vor allem durch eine extrem hohe Korndichte erzielt. Da der Entwicklungsrhythmus der Gerste nochmals zwei Wochen kürzer ist als der des Weizens, war die Ertragskomponente Kornzahl/Ähre bereits festgelegt, bevor die große Trockenheit kam. Die Gerste stand erst nach der Blüte (15. Mai) unter dem Einfluss der Trockenheit, was sich in den unterdurchschnittlichen Hektolitergewichten und teilweise auch Tausendkornmassen zeigte.

Leitbahnen ständig im Fluss
Im Vergleich zu anderen Jahren hat ein zweites, seltenes Ereignis dafür gesorgt, dass die hohe Blütendichte trotz schlechter Wurzelentwicklung auch tatsächlich in Ertrag umgesetzt wurde: Die kontinuierliche Aufnahme von Wasser und Nährstoffen sowie die ungehinderte Verteilung der Assimilate waren sichergestellt. Normalerweise wird während der Vegetation früher oder später der Fluss in den Leitbahnen durch Krankheiten oder andere Störungen behindert. Unsere Bonituren zeigten außergewöhnlich gesunde Halmbasen und damit entsprechend gesunde Wurzeln. Grund hierfür waren die niedrigen Bodentemperaturen im Herbst. Die meisten Halmbasiserkrankungen (Rhizoctonia, Fusarium, Schwarzbeinigkeit) infizieren vor allem über 15° C – dieses Temperaturniveau war aber bereits Ende August 2007 unterschritten. Ab Anfang Oktober fielen die Temperaturen unter 10° C, die Infektionswahrscheinlichkeit sank sehr früh auf ein Minimum. Zudem wurde die Entwicklung von Myzel als Voraussetzung für eine Infektion durch die ab Juli anhaltende Nässe behindert. Eine Ausnahme machten einige nach Mais bestellte Weizenbestände. Hier traten vor allem Rhizoctonia, Fusarien und Microdochium nivale auf.

Die trockenen sind meistens die blattgesunden Jahre, so dass selbst Septoria tritici in den anfälligen Sorten die Erträge kaum schmälerte. Da die Erträge in anderen Trockenjahren ohne Blattkrankheiten längst nicht so hoch ausfielen, lässt sich vermuten, dass die sehr gesunden Wurzeln und Halmbasen zur Kornfüllung 2008 den größeren Beitrag zur Ertragssicherung leisteten. Dazu kam, dass vor allem im Weizen die Fungizidmaßnahme zu Schossbeginn mit deutlich höheren Wirkstoffmengen breit wirkender Fungizide durchgeführt wurde als im Vorjahr. Damit konnte eine ausgeprägt gute Nebenwirkung gegen Halmbasisinfektionen sichergestellt werden.

Was können wir aus 2008 lernen?
Aus ertragsphysiologischer Sicht hätte dieses Jahr gerade für den Weizen katastrophal enden können. Gute Bestandesdichten und eine hohe Blütenzahl nach einer doppelt so langen Ährendifferenzierungsphase setzten hohe Erwartungen. Diese standen jedoch auf tönernen Füßen, da die Wurzelentwicklung so schlecht war, dass ein Austrocknen der Krume zu einem Zusammenbruch der Bestände hätte führen müssen. Dass dies – auf Standorten über 50 BP – nicht eintrat, ist zwei Umständen zu verdanken: Einige Wurzeln sind dem absinkenden Bodenwasser gefolgt und der Transport von Nährstoffen und Assimilaten war in den außerordentlich gesunden Beständen sichergestellt. Selbst extreme Frühsaaten im Weizen erreichten so im Versuch bis zu 136 dt/ha.

Das hohe Ertragsniveau 2008, vor allem der Frühsaaten, wurde unter anderem erreicht, weil die meisten Bestände bei den niedrigen Bodentemperaturen im Herbst unter infektionsarmen Bedingungen im Wurzelraum gewachsen sind. Diese Erfahrung sollte bei der Wahl der Saatzeit künftig berücksichtigt werden.


Fazit
Viele Sorten haben gezeigt, dass sie ohne ertragsmindernde Einflüsse durch Krankheiten, Viren oder Schädlinge ein hohes genetisches Ertragspotenzial haben. Ähnlich wie im Raps besteht auch im Getreide die Tendenz, dass immer mehr Ertrag auf immer weniger Pflanzen steht. Diese sind daher umso mehr auf eine intakte „Saftleitung“ angewiesen. Offenbar spielen die kaum sichtbaren Schädigungen von Wurzel und Bestockungsknoten in der Versorgung der Pflanze eine sehr viel größere Rolle als es bisher bekannt ist.
 

Stand: 10.10.2008