Aktuelle Ausgabe 04/2018

Ausgaben

Sonderausgaben

Themen

Impressum

Datenschutzerklärung

Die Flächen wurden 2008 europaweit um rund 700.000 Hektar ausgeweitet. Der europäische Überschuss beträgt, nach guten Ernteergebnissen, rund 1,8 Mio. Tonnen. Brigitte Braun-Michels, vom unabhängigen Markt und Managementdienst Agromente (www.agromente.com), unterhielt sich mit Michael Fleischer, von der Interbrau GmbH Hamburg über seine Einschätzung des aktuellen Braugerstenmarktes.

Neben diesen dämpfenden fundamentalen Daten ist der gesamte Getreidemarkt in den Sumpf der Finanzmarktkrise geraten. Mittlerweile hat sich der Preis für die Braugerstenerzeuger mit rund 150 €/t im Vergleich zum Höchstpreisniveau fast halbiert.

 

Herr Fleischer, wie verlief bisher die Vermarktung der Braugerste aus der Ernte 2008?
Zur Ernte 2008 stand der Markt unter dem Vorzeichen der geringen Versorgung des Vorjahres. Daher hat die Brauindustrie ihre Malzkontrakte zu hohen Preisen abgeschlossen. Die Mälzer haben ihre Marge sichergestellt und im Zeitraum November 07 bis März 08 Braugerste gekauft. In dieser Zeit waren 270 bis 280 €/t für die Landwirte zu erzielen. In Deutschland war zu diesen Preisen die Ware über Vorkontrakte nur zum Teil erhältlich. Großhändler mussten sich deshalb in Frankreich, Dänemark und England eindecken. Zur Ernte war ein insgesamt gutes Ertragsniveau absehbar. Für Juli/August 2008 waren noch Preise von 220 bis 230 €/t zu erzielen. Diese Angebote haben deutsche Landwirte erneut ausgeschlagen. Die Abdeckungen haben zu der Zeit günstig in Frankreich stattgefunden.

Michael Fleischer Interbrau
Michael Fleischer Interbrau

Wie weit ist die Brauindustrie aus ihrer Sicht mittlerweile versorgt?
Ich vermute, dass die Malzindustrie ihren Bedarf bis Juli 2009 zu rund 90 % gedeckt hat. Aktuell ist der Preis auf rund 150 €/t Erzeugerpreis heruntergefallen und die Industrie hält sich mit weiteren Kontrakten zurück, weil ein weiterer Preisverfall nicht ausgeschlossen wird. Dabei ist zu bedenken, dass die Prämie zwischen Braugerste und Futtergerste nach wie vor erhalten geblieben ist. Ich schließe nicht mehr aus, dass die Futtergerste in dieser Saison noch den Weg in die Intervention findet.

Wie stellt sich die Versorgungssituation in der Eu 27 dar?
EU-weit haben wir einen Überschuss von 1,8 Mio. t Braugerste mit der Ernte 2008 erzielt, dabei sind Winterbraugerste und Sommerbraugerste zusammengefasst. Der Überschuss muss den Weg in Drittländer finden. Dazu gehören China, die Türkei, Tunesien und andere Mittelmeeranrainer. Vermutlich bleiben Endbestände von rund 1 Mio. t übrig, die bei den Landwirten oder beim Handel liegen bzw. bei den Mälzern kontrahiert sind.

Welche Konsequenzen hat das für die weitere Preisentwicklung?
Mälzer und Verarbeiter werden sich länger aus der alten Ernte versorgen können, als das normalerweise üblich ist. Die Landwirte in Deutschland haben zu spät und zu wenig verkauft! Nach meiner Einschätzung liegen noch 50 % der Erntemengen bei den Erzeugern.

Welche Konsequenz hat die Preisflaute auf die mögliche Aussaatfläche?
Aktuell will die Brauindustrie natürlich kaufen, weil das Preisniveau günstig ist. Der Handel tut sich andererseits schwer, Mengen zu binden, weil die Flächen noch nicht bestellt sind. Dabei glaube ich persönlich nicht an einen so entscheidenden Flächenrückgang. Zumal der erzielte Ertrag und die letztendlichen Qualitäten viel bedeutsamer sind. Es geht doch darum, wie viel marktfähige Ware letztendlich zur Verfügung steht. Vor diesem Hintergrund müssen wir abwarten, was im Frühjahr passiert und wie die Vegetation verläuft.

Brigitte Braun-Michels
Brigitte Braun-Michels
Was haben landwirtschaftliche Erzeuger aus Ihrer Sicht falsch gemacht?
Ich tue mich etwas schwer mit dem jetzigen Gejammer. Wenn ich bei einem Niveau von 270 €/t meine Kosten mehr als gedeckt habe und den Markt vorbeiziehen lasse und selbst bei 240 €/t nicht reagiere, habe ich etwas falsch gemacht. Wenn der Markt ruft, ist es fatal auf immer weiter steigende Preise zu hoffen und zu sagen, ich verkaufe nicht. Nun müssen die Erzeuger auch zu ihrer eigenen unternehmerischen Entscheidung stehen und mit dem Ergebnis leben. Man sollte aber einschränkend erwähnen, dass es bei fallenden Märkten immer schwieriger wurde, physische Ware schnell am Markt unterzubringen.

Welche Rolle spielen heute noch Vorverträge für Brauer und Mälzer?
Die Zeiten der großen Vorverträge sind aus meiner Sicht vorbei.

Früher waren Mälzer und Brauer zweimal pro Jahr am Markt und haben gekauft – bei vollem Risiko. Heute gibt es langfristige Verträge zwischen Brauern und Mälzern mit fester Marge. Die Gesamtmenge, die gekauft wurde, wird dann in mehreren Teilschritten am Markt bei den Erzeugern gekauft. Mittlerweile beobachten Mälzer und Brauer kontinuierlich den Markt und sind regelmäßige Käufer. Es besteht die Chance für die Erzeuger, daran immer wieder auf Tagespreisbasis zu partizipieren. Dabei kann keiner sagen, ob zum Beispiel 300 €/t ein fairer Preis ist. Fair ist immer der Preis, der tatsächlich gehandelt wurde. Mit diesem Verhalten passen sich die Marktbeteiligten an die Volatilität an, die die Getreidemärkte uns vorgeben. Dieses zukünftige Handelsgebaren birgt Risiken, aber auch Chancen für alle Beteiligten. Ich glaube, die Braugerstenerzeuger sollten in Zukunft ihr Risiko breit streuen, indem sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten immer dann Teilmengen vermarkten, wenn die Kostenrechnung aufgeht. Es geht um Risikoabsicherung!

Bei Ihren Ausführungen drängt sich der Verdacht auf, dass Mälzer und Brauer auf der einen Seite des Bootes sitzen und die landwirtschaftlichen Erzeuger auf der anderen ….
Tatsächlich bilden Mälzer und Brauer heute eine stärkere Symbiose als früher. Die Brauer haben schließlich die Erfahrung gemacht, dass die Malzindustrie dem Druck nicht standhalten kann, wenn sie das gesamte Vermarktungsrisiko tragen muss. Brauer und Mälzer besprechen heute eine Marge und schauen dann gemeinsam auf die Preisbildung am Markt. Damit ist der Erzeuger das schwächere Glied in der Kette, besonders dann, wenn er in der Entwicklung nicht mitgeht. Ich glaube, Landwirte müssen genau kalkulieren, sich besser denn je informieren und Transparenz über den Markt verschaffen. Ich kann doch beispielsweise keinen Dünger bestellen und auf der Verkaufsseite nichts machen. Aus kaufmännischer Sicht ist das sträflich.

Wie schätzen Sie den Markt zur Ernte 2009 ein?
Insgesamt ist, glaube ich, der Überhang aus der aktuellen Ernte ein begrenzender Faktor für eine Hausse in 2009. Außerdem ist offen, wie sich die aktuelle Wirtschaftssituation auf den Absatz der Brauereien auswirkt. Eventuell steht auch hier, nach zwei Boomjahren, ein Konsumrückgang an. Vor diesem Hintergrund vermute ich, dass die Brauindustrie beim Einkauf der Ernte 2009 für das Malzjahr 2010 vorsichtig agieren wird.

Der Rest – sprich konkrete Aussaatflächen – Witterung und Ernteverlauf, wird sich ab dem Frühjahr 2009 zeigen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Stand: 17.12.2008