Aktuelle Ausgabe 02/2018

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Konventionell wirtschaftende Betriebe haben normalerweise kein Problem, in dem breiten Sortenangebot der gängigen Kulturarten für nahezu jeden Standort und jede Nutzungsrichtung die passende Sorte zu finden. Etwas schwieriger gestaltet sich die Sortenwahl für Öko-Betriebe.

Häufig fehlen standortangepasste Sorten mit geeigneten Qualitätseigenschaften. Insgesamt ist die Standortvariabilität der Sorten im Öko-Anbau kleiner als im konventionellen Landbau.


Die Öko-Korn-Nord w.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Lücke zu schließen. Der Erzeugerzusammenschluss besitzt als einziger reiner Öko-Saatguterzeuger in Deutschland VO-Status. „Auf dieser Basis konnten wir das Gespräch mit den Züchterhäusern bereits stark intensivieren“, erläutert der Geschäftsführer der Öko-Korn-Nord, Hans-Joachim von Klitzing. „Wir erfahren jetzt sehr früh, was sich bei der Entwicklung neuer konventioneller Sorten tut. Die Informationen helfen uns dabei, mit den Züchtern gemeinsam schneller interessante Sorten für den Öko-Anbau herauszufiltern. So partizipieren wir unmittelbar am Züchtungsfortschritt und können beispielsweise Einfluss darauf nehmen, welche Sorten in die offiziellen Sortenversuche des Ökobaus gelangen.“

Öko-Korn-Nord, Hans-Joachim von Kitzling, Geschäftsführer
Öko-Korn-Nord, Hans-Joachim von Kitzling, Geschäftsführer
„Wir sind aber auch kritischer Partner der Züchter“, ergänzt Folkert Höfer, der bei Öko-Korn-Nord zuständig für das Saatgutwesen ist. „So signalisieren wir beispielweise ganz deutlich, dass für den Ökobau wichtige Sorten nicht zu früh vom Markt genommen werden dürfen.“

Alte Sorteneigenschaften sind wichtig
Alte Sorten spielen im Öko-Landbau oft mangels neuer Alternativsorten eine wichtigere Rolle als in der konventionellen Landwirtschaft. Ein echtes Problem entwickelt sich beispielsweise bei den Hafersorten. „Im Öko-Landbau brauchen wir Sorten mit überragenden Schälqualitäten, gutem Unkrautunterdrückungsvermögen und einer gleichmäßigen Korn-Stroh-Abreife“, so Höfer. „Im Hafersegment zeichnet sich nun eine Wachablösung ab. Mit der neuen Hafersorte Scorpion steht aktuell eine erfolgversprechende, gleichwertige Nachfolgesorte für Jumbo mit vorzüglichen Qualitätseigenschaften zur Verfügung.“ Auch der Dinkel ist ein gutes Beispiel für die Wechselwirkungen zwischen Züchtungsfortschritt und Bewahrung bewährter Sortenqualitäten. „Die alte Sorte Oberkulmar Rotkorn verfügt über einen sehr hohen Feuchtklebergehalt und kann Unkraut sehr gut unterdrücken – beides sind für uns unverzichtbare Qualitätsmerkmale“, meint dazu Höfer. „Jetzt aber steht als neue, ertragreichere Sorte Zollernspelz zur Verfügung. Die ist für uns interessant, weil das Dinkelprofil nach wie vor stimmt und Vorteile wie beispielsweise die Standfestigkeit hinzukommen“.

Bei manchen Arten wird es eng
Auch die Sortenauswahl bei den Körnerleguminosen wie Ackerbohnen und Erbsen ist nicht allzu groß. „Bei den Futtererbsen steht uns derzeit noch die alte Sorte Grana zur Verfügung“, so Höfer. „Sie ist die einzige am Markt befindliche Vollblattsorte. Auf leichten Standorten mit hohem Unkrautpotenzial sowie auch für den Gemengeanbau mit Sommergetreide möchten viele Öko-Landwirte auf eine Sorte mit diesen Eigenschaften nicht verzichten.“ 

Klitzing vor dem Tischausleser
Klitzing vor dem Tischausleser

Mit Sorge beobachtet Öko-Korn-Nord den Konzentrationsprozess bei den Züchtern, die sich nur noch mit wenigen Hauptkulturen beschäftigen. „Um die für den Ökolandbau so wichtigen Kulturen, wie z .B. Leguminosen, Zwischenfrüchte und Sommergetreide, kümmern sich immer weniger Züchter, der Zuchtfortschritt ist hier gefährdet. Bei der SAATEN-UNION werden noch fast alle Kulturen züchterisch weiterentwickelt – hier erkennen wir in diesem Bereich große gemeinsame Schnittmengen“, meint dazu Hans-Joachim von Klitzing. „Der Öko-Landbau steht und fällt mit der Artenvielfalt sowie mit einem ausgewogenen Anbauverhältnis von Winterungen und Sommerungen.“ Das bestätigt auch Landwirt Reiner Bohnhorst, Bio-Bauer aus Oldendorf bei Uelzen: „Der regelmäßige Wechsel vermindert z. B. an Wintergetreide angepasste Problemunkräuter. Der Anbau von Sommergetreide schafft in der Fruchtfolge Platz für den Anbau von Zwischenfrüchten und Leguminosen. Diese sind unverzichtbar für den Humusaufbau und die Stickstoffsammlung. Zudem lassen sich Schälhafer und Braugerste gut vermarkten. Körnerleguminosen sind als Rohproteinträger unverzichtbar in der Tierernährung.“

Öko-Sorten müssen schnell sein
Öko-Sorten müssen in ihrer Jugendphase schnell wachsen. So können sie das Unkraut bereits zu einem frühen Zeitpunkt wirksam unterdrücken. Unterstützend wirkt eine frühe und kräftige Bestockung sowie eine breite Blattstellung.

Die Frage, welche Sorten sich innerhalb der verschiedenen Arten für den Öko-Landbau am besten eignen, muss differenzierter als im konventionellen Anbau beantwortet werden. Dies vor allem deshalb, weil regulative Eingriffe über Pflanzenschutz und Düngung kaum oder gar nicht möglich sind. Bei der Sortenberatung steht für Höfer stets das angestrebte Qualitätsziel an erster Stelle. Weitere entscheidende Parameter sind die Standorteignung, das Unkrautunterdrückungs- und Nährstoffaneignungsvermögen sowie die Ährengesundheit.

Geniestreich in Sicht?

Saatgutfachmann Folkert Höfer (rechts), Landwirt Reiner Bornhorst
Saatgutfachmann Folkert Höfer (rechts), Landwirt Reiner Bornhorst

„Beim E-Weizen scheint sich vor diesem Hintergrund eine für den Öko-Landbau sehr interessante Züchtungsvariante abzuzeichnen“, erläutert Sven Böse von der SAATEN-UNION. „Vor 18 Jahren startete eine Sortenentwicklung, aus der der Weizenstamm GENIUS resultierte. Die Sortenzulassung wird 2010 erwartet. Wir sind uns darüber einig, dass dieser vielversprechende Typ unbedingt in die Sortenversuche gehört, um beweisen zu können, dass die Fallzahlstabilität auf allen Standorten stimmt. Bei einem um 24 % höheren Kornertrag als BUSSARD – in der unbehandelten Stufe – wird eine noch bessere Elitequalität auf Monopolniveau erreicht. Wenn sich diese Ergebnisse im letzten Wertprüfungsjahr bestätigen, sollte dieser Stamm im kommenden Herbst Einzug in die Ökoprüfung finden. Dann stehen frühzeitig ökorelevante Erfahrungen, z. B. zur Unkrautunterdrückung oder Nährstoffaneignung zur Verfügung.“

Win-win-Situation
Die Ausweitung der ökologisch bewirtschafteten Flächen macht den Öko-Landbau auch für Züchter zunehmend interessanter. Ältere Sorten behalten länger ihren Wert, weil sie von den Bio-Betrieben auch über einen längeren Zeitraum nachgefragt werden. Auch können Züchtungsziele für den Öko-Landbau dem konventionellen Landbau zugute kommen (Nährstoffeffizienz, Gesundheit). Der intensive Informationsaustausch zwischen Züchter und Vermehrer bietet somit interessante Ansätze für intensive Geschäftsbeziehungen mit Vorteilen für beide Seiten.

Friederike Krick

Stand: 23.09.2006