Aktuelle Ausgabe 03/2018

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Stroh wird knapp und wertvoll: in erster Linie als Humusbildner jedoch auch als Energie- und als Rohstofflieferant. In mehreren Projekten nimmt sich die SAATEN-UNION des Themas an, züchterisch und produktionstechnisch. Zunächst ist zu klären, welches Nutzungspotenzial es überhaupt für Stroh gibt und in welchem Umfang es dem Bodenkreislauf entzogen werden kann.

Zukünftig können die Getreidesorten auch hinsichtlich des GPS- und Strohertrags detailliert beschrieben und entsprechende Anbauverfahren entwickelt werden.

Die versuche lassen die Vermutung zu, dass wenn Stroh vermarktet werden k ö n n t e, dies aber dem Boden zuliebe unterbleibt, steigen die kalkulatorischen Düngungskosten und damit die Wertschätzung des Strohs um den entgangenen Gewinn. Zukünftig dürfte deshalb in vielen Betrieben neben dem Kornertrag auch der Gesamtertrag interessieren

Stroh ist kein „Reststoff“, sondern ein wertvolles Ernteprodukt! Das reichlich enthaltende Lignin ist eine der energiereichsten organischen Verbindungen. Deshalb wird bei der Verbrennung besonders viel Wärme frei und deshalb bildet Stroh abbauresistenten Dauerhumus.

Verwendung für Stroh über traditionelle Nutzungen hinaus gibt es zukünftig genug.

  • In Niedersachsen soll das Strohkraftwerk Emlichheim 2011 mit 50 MW Stromleistung ans Netz gehen und dabei gleichzeitig 200 MW Nutzwärme bereitstellen, weitere Kraftwerke in Cloppenburg und Kyritz sind in Planung. Jede dieser Anlagen benötigt 75.000 t Stroh jährlich, die reichlich anfallende Asche (3.500 t) soll als Mineraldünger zurück auf die Felder. Würde – nach dem Vorbild Dänemark – ein Viertel des deutschen Strohaufwuchses energetisch genutzt, könnten über 200 solcher Anlagen zukünftig etwa fünf Prozent der Wohnenergie für Deutschland liefern!
  • Die USA streben an, bis 2022 16 Mrd. t Ethanol auf Zellulosebasis zu produzieren – mehr als aus Getreidekorn! Auch in Europa werden mittelfristig „Biokraftstoffe der 2. Generation“ Stroh für sich reklamieren.
  • Langfristig wird Stroh zudem als Lignocellulose-Lieferant für die Herstellung verschiedener Plattformchemikalien in Bioraffinerien diskutiert.


Wie viel Stroh kann runter vom Acker?
In den letzten Jahren widmete sich eine Reihe von Studien dieser Fragestellung. Die Schätzungen der Institute variieren je nach Szenario zwischen 10 und 60 % (Münch 2008). Ein entscheidender Unsicherheitsfaktor bei all diesen Kalkulationen ist die Bewertung der Humuswirkung. Nach VDLUFA-Richtwerten liefert 1 t Stroh 80 bis 110 kg Humus-C, wobei die unteren Werte für unterversorgte Böden, die oberen für Böden in gutem Zustand anzusetzen sind. Diese Schätzwerte basieren jedoch auf Versuchen in Ostdeutschland, dessen eher kontinentales Klima höhere Humusgehalte begünstigt.

Für die humideren Anbauräume West- und Süddeutschlands ist die Humuswirkung der organischen Düngung eher geringer einzuschätzen. Gleichzeitig baut sich in diesen umsetzungsstärkeren Regionen Humus schneller ab, die Humusbilanz wird also doppelt strapaziert. Berücksichtigt man zudem den zunehmenden Silomaisanbau und die humuszehrende Wirkung wärmerer Winter, stehen im Bundesdurchschnitt voraussichtlich nicht mehr als 30 % des Strohs als Nachwachsender Rohstoff zur Verfügung. Bei einer Ernte von 42 Mio. t Korn (ohne Mais) fallen jährlich in Deutschland schätzungsweise 37 Mio. t Stroh an. Dieses Aufkommen errechnet sich bei Stroh/Korn-Verhältnissen von 0,8 bei Gerste, 0,9 bei Weizen sowie 1,0 bei Roggen, Triticale und Hafer – m i t Berücksichtigung der Stoppelreste und der Spreu! Über alle Anbauregionen und Getreidearten errechnen sich daraus bis zu 10 Mio. t Stroh als Nachwachsender Rohstoff (Abbldung 1).


Was ist Stroh wert?
Der Ersatzkostenwert des verkauften Strohs bemisst sich zuerst einmal nach dem Nährstoffentzug. Bei gegenwärtigen (!) Düngerpreisen wären das 1,80 €/dt. Zusätzlich sind die eingesparten Kosten für den Anbauhäcksler sowie die höheren Ausbringungskosten für Mineraldünger zu berücksichtigen. 50 dt Stroh im Schwad wären danach gegenwärtig mit 80-85 €/ha zu bewerten, gepresst in Quaderballen mit ungefähr 170 €/ha, auf dem Hänger mit etwa 210 €/ha.

Auf Standorten mit knapper organischer Substanz ist zudem der Verlust an Dauerhumus zu bewerten. Die LVFL Brandenburg kalkuliert, dass die Substitution der Humuswirkung über die Ausbringung von Fertigkompost mit 2,06 €/dt Stroh zu Buche schlagen würde. Zugrunde gelegt ist hierbei ein Preis von 15 €/t Fertigkompost in 30 km Entfernung. Noch teurer wäre es, die Strohabfuhr durch Umstellungen in der Fruchtfolge auszugleichen. Um beispielsweise die Wirkung von 200 t Stroh auszugleichen, müssten 15 ha Silomais durch 20 ha zweijähriges Ackergras ersetzt werden. Daraus errechnen sich Humusersatzkosten von 2,72 €/dt Stroh.

Wo dagegen die Humusgehalte in Ordnung sind, kann auf die Bewertung der Humuswirkung verzichtet werden. Denn der Humusgehalt kann nicht über das standortspezifische Gleichgewicht hinaus angehoben werden, stattdessen steigen die Risiken für den Nährstoffaustrag.

Wo kommt Strohverkauf in Frage
Aus der Kostenkalkulation ist abzusehen, dass ein Strohverkauf nur für Standorte mit ausreichendem Humushaushalt in Frage kommt. Dazu gehören Mähdruschbetriebe auf besseren Standorten, zumal hier bei Strohabfuhr evtl. höhere Erträge der nachfolgenden Winterung locken. Veredelungsbetriebe mit einem hohen Wirtschaftsdüngeranfall könnten mit dem Strohexport ihre Nährstoffbilanz entlasten, Stroh ist wirtschaftlicher zu transportieren als Gülle.

Dabei ist natürlich auch der Standort und die Fruchtfolge zu berücksichtigen. Leichte Standorte oxidieren mehr Humus-C und benötigen dringend Ernterückstände für den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit, das gilt erst recht bei höheren Hackfrucht- oder Silomaisanteilen. Hohe Strohpreise sind bereits jetzt in Grenzlagen zu gründlandbetonten Regionen zu erzielen, beispielsweise in Süddeutschland oder in Grenzregionen zu den Niederlanden. Auch im Umfeld von Ballungsräumen gibt es lukrative Absatzmöglichkeiten für Stroh.

Ergebnis
Die SAATEN-UNION geht davon aus, dass Stroh zukünftig zum gefragten Erntegut wird. Dabei spielt es – aus züchterischer Sicht – zunächst keine Rolle, ob das Stroh verkauft oder dem Boden zurückgeführt wird: Wenn Stroh vermarktet werden k ö n n t e, dies aber dem Boden zuliebe unterbleibt, steigen die kalkulatorischen Düngungskosten und damit die Wertschätzung des Strohs um den entgangenen Gewinn. Zukünftig dürfte deshalb in vielen Betrieben neben dem Kornertrag auch der Gesamtertrag interessieren – so wie heute schon bei Mais. Zuchtziel Nr. 1 bleibt dabei der Kornertrag und auch massenwüchsigere Mehrnutzungssorten müssen standfest und gut druschfähig sein. In Westeuropa gibt es bereits heute eine entsprechende Sortennachfrage im Hinblick auf den Strohverkauf, in Deutschland entwickelt sich eine solche gegenwärtig für die Nutzungsalternative GPS-Getreide.


Sven Böse

Stand: 20.10.2009