Aktuelle Ausgabe 03/2018

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Während die züchterische Bearbeitung der ertragssichernden Eigenschaften Standfestigkeit und Winterfestigkeit in der Praxis noch allgemeine Zustimmung findet, wird die Weiterentwicklung der Blattgesundheit durchaus kritisch hinterfragt. Wird tatsächlich zu viel Geld und Personalaufwand in diese Sorteneigenschaften auf Kosten des Ertrages investiert?

Wie wichtig ist die Gesundheit einer Sorte überhaupt – wie viel darf sie uns wert sein?


Dr. Andreas Jacobi ist ein Weizenzüchter, der hohe Erträge und hohe Resistenzen kombinieren möchte. Mit dem C-Weizen T* hat er gezeigt, dass Bestnoten im Ertrag sehr wohl in Kombination mit einer sehr guten Gesundheit möglich sind.

Wie viel darf Blattgesundheit wert sein?
Der in der Praxis realisierte Ertrag einer Sorte setzt sich zusammen aus der Sortenleistung und der Sorten-Behandlung. Für Maximalleistungen müssen sich Sorteneigenschaften und Behandlung im Idealfall optimal ergänzen. Kann eine optimale Behandlung – aus welchen Gründen auch immer – nicht erfolgen, sollte die Sorte dies ausgleichen können.

Zu dieser These hier einige Beispiele aus der Praxis: 

1. Herbstbefall mit Blattkrankheiten bei warmer Witterung
Wir wissen u. a. aus dem Winter 2007/2008, dass sich bei einer wüchsigen Witterung im Herbst bereits in einem sehr frühen Wachstumsstadium ein enormer Krankheitsdruck z. B. mit Mehltau aufbauen kann. Dieser kann sowohl zu einer Reduktion der Triebentwicklung vor Winter als auch zu einer Verminderung der Winterfestigkeit führen. Da im Herbst für Mehltau (noch) kein Fungizid zur Verfügung steht, kann nur die Sorte selbst dieses Problem kompensieren. „Fans“ der Frühsaat kennen die beschriebene Sachlage zu Genüge. Produktionstechniken mit frühem Saattermin benötigen gesunde Sorten, sonst steigen die Pflanzenschutzaufwendungen ins Unwirtschaftliche.

Ähnliches gilt bei einer frühen Virusinfektion durch Blattläuse im Herbst, die zu verheerenden Schäden bei Weizen und Gerste führen kann. Auch hier wäre die kostengünstigste Lösung eine Sortenresistenz oder -toleranz.

2. Frühe Krankheiten nach mildem Winter, oder während eines feuchten Frühjahres

Anzusprechen sind hier Mehltau, Blattseptoria und Gelbrost: Wenn diese sehr früh auftreten und eine Behandlung z. B. aufgrund der Witterung oder schlechten Befahrbarkeit nicht durchführbar ist, wird der Blattzuwachs geschwächt. Weniger Assimilationsfläche und Ertragsanlagen und damit eine geringere Ertragsbildung sind die Folge. Auch diese relativ häufige Situation spricht klar für eine solide ausgeprägte Sortenresistenz.

Früher Mehltau kann zu massivem Blattverlust führen.
Früher Mehltau kann zu massivem Blattverlust führen.
3. Resistenzbildung gegen Fungizide
Eine ganze Fungizidklasse wurde wegen der Resistenzbildung schon nach kurzer Marktpräsenz in Frage gestellt. Für die Resistenzbildungen waren folgende Ursachen verantwortlich:

a) Aus Kostengründen wurde die Aufwandmenge zu stark reduziert.

b) Derselbe Wirkstoff wird zu oft gesplittet. Damit war die auf eine Durchfahrt bezogene Aufwandmenge zu gering.

c) Der Wirkstoff selbst war prädestiniert dafür, dass die Erreger sich durch Mutationen anpassen und Resistenzen ausbilden.

Resistenzbildung gg. Braunrostfungizide kann bei anfälligen Sorten massiv Ertrag kosten!
Resistenzbildung gg. Braunrostfungizide kann bei anfälligen Sorten massiv Ertrag kosten!

Resistenzbildung kann immer dann vorkommen, wenn die Frequenz des Kontaktes Erreger/Wirkstoff sehr hoch ist und/oder die Wirksamkeit des Präparates nicht vollständig ist, weil z. B. die Ausbringungsbedingungen suboptimal sind.

Die Pflanzenschutzindustrie reagierte auf diese Problematik sofort mit ausgeklügelten Applikationsstrategien, die eine Resistenzbildung gegenüber Fungiziden verhindern sollten. Die Züchter bieten die Blattgesundheit als vorbeugende Maßnahme an. Sie ist die optimale und zuverlässigste Lösung in dieser durch Kostenbewusstsein geprägten Diskussion. Allerdings: Nur ein wirksamer Resistenzmechanismus – einfache Toleranz reicht hier nicht aus – eignet sich dazu, Resistenzen gegen Fungizide zu vermeiden.

Natürlich versucht der Erreger auch die Sortenresistenz zu knacken. Daher sehen es die Züchter auch als wichtige Herausforderung an, neue Mechanismen in die Sorten einzubauen, um in diesem „Rüstungswettlauf“ die Nase vorn zu haben – ganz im Sinne des integrierten Pflanzenschutzes.

4. Sortengesundheit hilft, Arbeitsspitzen zu brechen
Sortengesundheit verschafft ein größeres Zeitfenster für eine Fungizidapplikation. Gesunde Sorten „verzeihen“, wenn die Applikation nicht zum optimalen Zeitpunkt durchgeführt werden kann. Dann kann sich die Krankheit durch die Widerstandsfähigkeit der Sorte nicht so schnell ausbreiten. Auch schafft dieses größere Zeitfenster unter Umständen die Möglichkeit, Applikationen zu kombinieren. Diese Flexibilität spart Arbeitsgänge.

Es kommt drauf an, was man draus macht
Sortengesundheit bleibt wichtig! Entscheidend ist die Frage, wie viel Blattgesundheit wert ist. Es ist für viele Situationen nicht günstiger, auf „breite Resistenzen auf mittlerem Niveau“ statt auf „stabile Resistenzen auf hohem Niveau“ zu setzen.

Viele Praktiker haben erkannt, dass gesunde Sorten ertragssicher sind und die Arbeitswirtschaft flexibler machen. Mit ihnen kann in Jahren mit hohem Krankheitsdruck Geld gespart werden.

Neuere Sorten mit höchster Ertragsleistung haben bereits gezeigt, dass sich Gesundheit und Ertragsleistung nicht zwangsläufig ausschließen müssen.

 

Dr. Andreas Jacobi

Stand: 14.05.2010