Aktuelle Ausgabe 03/2018

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Eliteweizen hat züchterisch aufgeholt und stellt in immer mehr Betrieben die Standardsorte. Zur Herbstaussaat steht erstmals eine vergleichsweise ertragsstarke E-Sorte mit herausragender Vermarktungs- und Backqualität zur Verfügung. Welche Chancen ergeben sich aus diesem Zuchtfortschritt für einen wirtschaftlicheren Qualitätsweizenanbau?

Genetische Basisleistung steigt um 0,9 dt/ha jährlich

Kornertrag, Proteinertrag und N-Entzug
Kornertrag, Proteinertrag und N-Entzug

Am Beispiel der Neuzulassung Genius ist der Zuchtfortschritt bei Eliteweizen ohne Umwege zu dokumentieren, weil der direkte Vergleich zu der 20 Jahre älteren Verrechnungssorte Bussard mit gleicher Qualitätseinstufung möglich ist. In der Intensitätsstufe 1, sozusagen der „genetischen Basisleistung“, drosch Genius dreijährig knapp 18 dt/ha mehr als Bussard (Tab. 1). Das entspricht einem Zuchtfortschritt von 0,9 dt/Jahr. Mit Pflanzenschutz und erhöhter N-Düngung in Stufe 2 wird der Zuchtfortschritt hinsichtlich Gesundheit, Standfestigkeit und Nährstoffaneignung weitgehend ausgeblendet. Doch auch unter diesen Voraussetzungen ist immer noch eine Leistungssteigerung von jährlich 0,45 dt/ha festzustellen. Dieser Mehrertrag ist ohne zusätzliche Düngung möglich, weil sich die Nährstoffeffizienz bezogen auf die Kornprotein-Leistung in den letzten 20 Jahren deutlich verbessert hat. Aus 110 kg höherer Proteinleistung je Hektar errechnen sich bei Florian bei gleicher Düngung eine um 20 kg höhere produktive Stickstoffverwertung. Bei einem Betrachtungszeitraum von 20 Jahren Sortenentwicklung ist das also ca. 1 kg jährlich.

Jährlich tausend Brötchen mehr vom Hektar

Qualitätskennwerte
Qualitätskennwerte

Speziell bei Genius ist zu berücksichtigen, dass die Teigausbeute (Wasseraufnahme) und die Brotvolumina an dieser Sorte deutlich höher ist als bei Bussard (Tab. 2), deshalb die Vermarktung unter der Qualitätsbezeichnung „E+“. Zurückzuführen ist das auf eine hochwertigere Kleber/Stärke-Matrix. Je Einheit Korn oder auch Kornprotein kann mehr Gebäck erzeugt werden. Der umfassende Zuchtfortschritt über die gesamte Wertschöpfungskette Nahrung ist mit dem Endprodukt Gebäck zu dokumentieren. Als Produkt von Kornertrag, Mehlausbeute, Wasseraufnahme und Volumenausbeute liefert Genius den Rohstoff für 220.000 Brötchen je Hektar, 20.000 Stück mehr als mit der Vergleichssorte Bussard. Über 20 Jahre Sortenentwicklung errechnet sich daraus ein Zuchtfortschritt von durchschnittlich 1.000 Brötchen mehr pro Jahr – der durchschnittliche Jahresbedarf von drei deutschen Konsumenten!

Früher, gesünder und standfester
Den Landwirt interessiert allerdings weniger der Zuchtfortschritt über die gesamte Wertschöpfungskette. Ihm sind in erster Linie hohe, sichere Erträge wichtig, ein hoher Qualitätszuschlag sowie möglichst geringe Produktionskosten. Dafür müssen sich die Neuzulassungen auch mit den erfolgreichsten Zulassungen der letzten Jahre messen (Tab.3). Ertraglich ist Genius in der behandelten Anbaustufe gleich hoch wie die gegenwärtig führende E-Sorte Akteur einzustufen, in der Fungizid sparenden Anbauvariante dank besserer Gesundheit zwei Klassen höher. Diese Differenz ist durch gute Feldresistenzen gegenüber allen relevanten Krankheiten zu erklären. Sodass selbst bei hoher Ertragserwartung in der Regel eine einmalige Fungizidbehandlung ausreicht.

Aufmischweizen im Vergleich
Aufmischweizen im Vergleich
Eliteweizen steht meist auf Standorten mit eng begrenzter Ertragsfähigkeit. Gerade dort ist eine frühe Reife wichtig, wie es der Erfolg von Eliteweizenklassikern von Monopol über Alidos bis Bussard über Jahrzehnte belegt. Vor diesem Hintergrund ist der Ertragsfortschritt der früheren Reife zu würdigen: Genius ist etwa zwei Tage früher als Akteur und vier Tage früher als Event. 

Welche E-Weizensorte für Hochertragsstandorte?
Wird Florian im Sommer 2010 nach Abschluss der Registerprüfung in die Sortenliste eingetragen, ist diese Neuzulassung von der Anbaueignung her gut zu definieren. In Tab. 1 zeigt Genius noch mehr als Bussard eine vergleichsweise eng und positiv korrelierte Beziehung zwischen Rohprotein und Brotvolumen. Auf geeigneten Standorten bzw. entsprechender Qualitätsdüngung können also über höhere Proteingehalte Brotvolumina erreicht werden, die noch deutlich über denen der bisherigen E(9)-Eliteweizen liegen. Florian hingegen zeigt mit einem Bestimmtheitsmaß von 0,05 praktisch keinen Zusammenhang zwischen Protein und Brotvolumen, die Regressionsgerade verläuft zudem fast linear. Das bedeutet: Auf Standorten mit hoher Ertragserwartung und damit stärkerer Proteinverdünnung verbackt die Sorte kaum schlechter als auf den klassischen Eliteweizenlagen. Auch die weiteren Eigenschaften unterstützen die Empfehlung vorrangig für Anbaulagen mit sehr hoher Ertragserwartung. So ist der Proteinabfall mit steigender Ertragsleistung etwas geringer (0,2 % absolut), zudem ist die Sorte etwas standfester und honoriert höhere Intensitäten.

Rohprotein, Brotvolumen von Genius, Florian und Bussard
Rohprotein, Brotvolumen von Genius, Florian und Bussard
Weizen gehört auf den Weltmarkt
Mit Genius – und vorbehaltlich der Eintragung auch Florian – stehen zwei Eliteweizen zur Verfügung, die bei minimalem Aufwand eine herausragende Vermarktungs- und Backqualität erreichen. Zwar lassen neue Verarbeitungstrends wie Backautomaten und Halbfertigprodukte zukünftig einen höheren Bedarf für Eliteweizen in Deutschland erwarten. Das strategische Ziel muss es jedoch sein, deutschen Aufmischweizen über die Grenzen Deutschlands und Europas hinaus als lukratives Exportgut zu stärken. Bei einem Selbstversorgungsgrad von 120–130 % – je nach Erntemenge – wird lediglich ein Viertel bis ein Drittel des deutschen Weizens verbacken, der größte Teil wird verfüttert. Doch in die Futtertröge gehört in erster Linie mehr Roggen, Triticale und Gerste – Weizen ist auf den Weltmärkten lukrativer aufgehoben.

 

Sven Böse

Stand: 14.05.2010