Aktuelle Ausgabe 03/2018

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Zur Maissaat 2010 ging es kühl los. Während 2009 der Mais bei stetig zunehmenden Temperaturen schon sehr früh zulegen konnte, musste 2010 bis in die letzten Apriltage gewartet werden. Am 7. Mai war es dann schon wieder mit den wärmeren Tagen vorbei, dann kamen erst einmal wieder zwei kalte Wochen. Der Mais entwickelte sich daher nur zögerlich.

Nahe bei der SAATEN-UNION Versuchsstation in Grünseiboldsdorf bei Freising liegt die Messstation Zurnhausen. Sie zeigt deutlich die generellen Trends des deutschen Agroklimas 2010 im Vergleich zum Vorjahr und beginnt mit der sich öffnenden Schere der Temperatursummen im April (s. Abb. 1). 

Witterungsverlauf 2010
Witterungsverlauf 2010

Ab dem 24. Juni setzte das Jahr 2010 zur „großen Aufholjagd“ an. Fünf Wochen mit extremer Hitze und fehlendem Niederschlag sorgten dafür, dass sich zwar die Temperatursummen annäherten. Aber nun begann die stagnierende Niederschlagssumme die Lücke zwischen den beiden Kurven zu erweitern. In der letzten Juli- und ersten Augustwoche gab es schließlich extrem hohe Niederschläge. Ab diesem Zeitpunkt gingen die Temperaturen wieder zurück, so dass sich die Schere der Temperaturkurven 2009 und 2010 seitdem Tag für Tag weiter öffnet. Der Mais musste 2010 mit einer eher geringeren Temperatursumme auskommen, von der außerdem ein wesentlicher Anteil aufgrund großer Trockenheit nur unvollkommen ausgenutzt werden konnte. Die Niederschlagssummen sind eigentlich ausreichend, aber die Verteilung hat die Maisblüte vielerorts stark beeinträchtigt.

Die Maisblüte
Die weibliche Blühanlage hat die schwierige Aufgabe, in einer Zeit hoher Temperaturen den Pollen aus der Luft zu „fischen”. Hierfür wächst aus jeder Kornanlage ein Seidenfaden aus der Kolbenspitze heraus, der sich immer weiter in die Länge streckt. Er muss sehr feucht und klebrig sein, solange sich noch kein Pollenkorn auf ihm niedergelassen hat. Für diese Prozesse wird viel Wasser benötigt.

Der männliche Pollen ist relativ schwer und muss auch an die unteren und die später erscheinenden Seidenfäden der Kolbenspitze gelangen. Fehlt die Luftfeuchtigkeit, herrscht absolute Windstille oder ist die Hitze zu groß, ist die Befruchtung gestört. An Spitze und Unterseite des Kolbens erkennt man daher am ehesten Befruchtungsprobleme.

Die Hitzeperiode und die Blüte
Normalerweise kommt die Hitzeperiode des Sommers nicht ganz so früh wie 2010, das maximale Risiko liegt im Juli/August. Deshalb kommen früh blühende Sorten meist relativ ungestört zum Zuge. Doch im Juli brannte in Russland der Wald und bei uns rollte der Mais seine Blätter ein. Mancherorts zwang die Hitze die in der letzten Juniwoche am weitesten entwickelten Sorten in die Blüte. Andere hingegen, die noch nicht ganz am Start standen, rollten die Blätter, blieben in ihrer Entwicklung stehen und verschoben den Blütezeitpunkt. Die frühe Blüte in Hitze und Trockenheit stoppte manchmal nicht nur das Längenwachstum des Stängels, sondern auch das der Lieschblätter. In diesem Fall bot die Kolbenspitze ungewollt einen Ansatzpunkt für Beulenbrand. Aufgrund des langsamen Jugendwachstums und des geringen Fritfliegendrucks trat er an Stängel und Blättern in dieser Saison kaum auf.

Befruchtungsprobleme durch Trockenheit
Befruchtungsprobleme durch Trockenheit
Der kalte Spätsommer und die Ausreife
Während der Frühsommer wie ein verklemmtes Gaspedal erschien, klemmte beim Herbst die Bremse. Nach der Hitze kam sehr viel Wasser mit Wind und Lagerdruck und vereinzelt abgebrochenen Pflanzen. Über ganz Deutschland gesehen sind lokal sehr unterschiedliche Sorten betroffen, weil die Wachstumsintensität der Sorten unmittelbar nach der Hitzeperiode regional sehr unterschiedlich ausfiel. Auch für die Erträge dürfte diese hohe Variabilität gelten. Der Spätsommer ging nach den heftigen Niederschlägen Ende Juli viel zu kalt in die letzte Runde. Die Frühblüher hatten vermehrt ein Problem mit kurzen Lieschen und wurden teilweise zu spät geerntet, weil der Kolben schon weit ausgereift war und die Restpflanze nur wenig Masse zusammen brachte. Doch diejenigen, welche erst nach der Hitze weitergewachsen sind, hingen im Herbst 2010 in ihrer Kolbenentwicklung hinterher. Sie hatten Mühe, die erforderliche Temperatursumme zu erreichen.

Risikostreuung wird immer wichtiger
Im Mai sehnten wir uns nach guter Kältetoleranz in der Jugendentwicklung, im Juli nach Trockenheitstoleranz und im September nach Kältetoleranz in der Ausreife. Das zeigt deutlich: Eine einzige, immer richtige Sortenwahl kann es nicht geben. Schon für einen Begriff wie Trockenheitstoleranz, welcher Dürrephasen in sämtlichen Entwicklungsstadien der Maispflanze umfasst, kann es keine simple Lösung geben. Trockenstress vom 4-Blatt-Stadium bis zur Blüte beansprucht völlig andere Prozesse, als der gleiche Stress in der Kornfüllung, im Auflaufen oder mitten in der Blüte. Eine sehr gute Kältetoleranz kann z.B. bewirken, dass die Sorte physiologisch später mit Dürre konfrontiert wird, als die weniger frostresistente Sorte. Deshalb ist es gut, immer zwei bis drei Sorten im Rennen zu haben, die sich in Blütezeit und Reifezahl ein wenig unterscheiden, aber mit ihren Eigenschaften gut in die gewünschte Verwertung passen. Eine gute Strategie wäre es beispielsweise in einem Anbau für Biogas-Silomais folgende Sorten anzubauen: den frühen Ayrro S220, den anpassungsfähigen Aventura S240, den bei Trockenheit ertragsstabilen Alduna ~S250 und den späteren Massemais Subito S260 miteinander zu kombinieren.

Die Wissenschaft sagt uns häufigere Wetterextreme voraus. Für den Praktiker wird die Streuung des Risikos immer wichtiger werden.

Dr. Andreas Groß
 

Stand: 02.11.2010