Aktuelle Ausgabe 03/2018

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Backweizen ist zweigleisig zu produzieren: Zum größten Teil mit ertragsbetonten Sorten, die ressourcenschonend bereits bei geringeren Proteingehalten hohe Backqualitäten erreichen. Gleichzeitig gibt es einen begrenzten, jedoch wachsenden Markt für Exporte und Spezialmehle – gefragt sind dort Elitequalitäten mit Kleberwerten deutlich über 30% und Proteingehalten ab 14%.

Neue E(9)-Sorten sind stickstoffeffizienter und entziehen ca. 20kg N mehr Kornstickstoff als ältere Sorten. Zudem sind sie gesünder und standfester, wandern also auch auf ertragsstärkere Standorte. Worauf ist dort bei der N-Düngung im Frühjahr 2011 zu achten?


Ertrag und/oder Protein?
Einerseits ist der Proteingehalt eine Sorteneigenschaft: Die Rangfolge der Sorten bei diesem Merkmal zeigt sich über unterschiedliche Umwelten kaum verändert. Andererseits ist die absolute Höhe des Proteingehalts eine Umweltwirkung. So auch in den Versuchen der SAATEN-UNION zur Stresstoleranz von Weizensorten in den Jahren 2007–2010. Die sechs Verrechnungssorten1) droschen im Mittel unterschiedlicher Vorfrüchte und Saatzeiten je nach Jahr und Standort zwischen 70 und 120dt/ha Korn bei Proteingehalten zwischen 10,5 und 14,5%.

Kornertrag, Rohproteingehalt der Verrechnungssorten über die Einzelversuche
Kornertrag, Rohproteingehalt der Verrechnungssorten über die Einzelversuche
Wichtig dabei: Über die Versuche gesehen, gibt es praktisch keine Beziehung zwischen beiden Merkmalen (R2 = 0,08)! 80dt/ha können bei den gleichen Sorten und Anbauverfahren 11,5 oder 14,5% Rohprotein bringen (s. Abb. 1). Ob also 13dt/ha oder 8dt/ha Kornprotein geerntet werden, entsprechend 200 oder 300kg/ha N-Aufnahme, entscheidet in erster Linie die Jahreswitterung und der Standort. Welchen Einfluss hat im Vergleich dazu die Sortenwahl und Bestandesführung?


Neue Versuche zur E-Weizen-Düngung

Düngungsversuch Eliteweizen 2010
Düngungsversuch Eliteweizen 2010

In einem dreiortigen Versuchsprojekt (s. Tab. 1) untersucht die SAATEN-UNION seit vergangenem Jahr

  • ob moderne E-Sorten eine höhere bzw. anders verteilte N-Düngung benötigen,
  • ob eine Spätgabe mit Schwefel und Molybdän die Backeigenschaften beeinflusst und
  • ob der Proteingehalt einer Hochertragssorte statt mit Stickstoff effektiver mit einer Sortenmischung zu beeinflussen ist.

Die Düngerart und die Düngungsverteilung bis zum Schossen erfolgten standortangepasst. „Ein Jahr ist kein Jahr“, das gilt insbesondere für Versuchsergebnisse des Extremjahres 2010 (Abb. 2). Deshalb seien an dieser Stelle lediglich Mittelwerte der ersten drei Varianten veröffentlicht, die Ergebnisse der Sortenmischung Genius/Hyland werden später präsentiert.

Erträge und RP-Gehalte der Sorten in drei N-Stufen
Erträge und RP-Gehalte der Sorten in drei N-Stufen
2010 war bei Genius und abgeschwächt Florian die ertragsorientierte N-Verteilung in Stufe 1 vorteilhaft. Akteur blieb 2010 ertraglich unter den Erwartungen, brachte deshalb höhere RP-Gehalte und konnte als spätere Sorte die Spätgabe in Stufe 2 effizienter nutzen. Das höhere N-Angebot in Stufe 3 wurde 2010 von Genius und Akteur eher in höhere Proteingehalte gelenkt, bei Florian eher in höhere Erträge. Am wenigsten beeinflusst von der Stickstoffverteilung zeigt sich Hyland, der als Hybride dank exzellenter Einkörnung eine kompensationsfähigere Ertragsstruktur besitzt als die E-Sorten.

Die um 40 kg/ha erhöhte Stickstoffdüngung in Stufe 3 konnte den Proteingehalt nur geringfügig erhöhen, wobei die Erträge 2010 in Moosburg und Langenstein bei diesem Luxusangebot sogar abfielen. In Folge der schlechteren Stickstoffverwertung lagen die Nmin-Werte nach der Ernte zudem um 20–30 kg/ha höher als bei der Stufe 1 und erreichten z.B. in Moosburg mit 70–80 kg ein bedenkliches Niveau.


Ergebnis
Eine höhere Düngungsintensität für Eliteweizen auf Hochertragsstandorten lässt sich aus diesen einjährigen Ergebnissen nicht ableiten, die Effekte der unterschiedlichen Verteilung benötigen eine mehrjährige Absicherung. Im Hinblick auf die N-Düngung 2011 deshalb im Folgenden einige generelle Anmerkungen.

Hohe Korndichten vermeiden!
90 dt/ha Weizen mit 14 % Rohprotein entziehen inklusive Stroh und Wurzel etwa 260 kg N/ha, 30 kg N mehr als bei 12% Rohprotein. Oft wird daraus geschlossen, E-Weizen anfangs wie Backweizen zu führen und bei der Spätdüngung entsprechende Zuschläge zu geben. Doch dieses Vorgehen wird der Ertragsphysiologie proteinbetonter E-Sorten nicht gerecht – diese „ticken“ anders! Proteinreiche Eliteweizen legen grundsätzlich weniger Körner/m² an als ertragsbetonte Sorten im Korndichttyp. Die Bestandesdichte ist höchstens mittel, die Einkörnung geringer. Das weniger intensive „Systemwachstum“ der E-Sorten verringert die Konkurrenz der Kornanlagen um die Assimilate und begünstigt so die Ausbildung eines großen und dennoch kleberreichen Korns.

Denn die Getreidepflanze benötigt für die Proteinsynthese zweimal mehr Energie als für Stärkebildung (de Vries et al. 1974). Etwa zwei Wochen nach der Befruchtung beginnt deswegen eine intensive Konkurrenz der Kornanlagen um das begrenzte Assimilatangebot. Vor allem bei geringem Lichtangebot gibt es deshalb – bei gleicher Umwelt – eine negative Beziehung zwischen Proteingehalt und Kornertrag.

Anfangs die Düngung nicht überziehen
Um nicht übermäßig in die Korndichte zu wachsen, sollte Eliteweizen bis EC 49 nicht mehr als die Hälfte seines Gesamt-N-Bedarfs verbauen. Bei hoher Ertragserwartung sollte es also nicht mehr als etwa 130kg sein. Denn die Klebereiweiße Glutenin und Gliadin sind Speicherproteine des Endosperms! Übermäßige Konkurrenz der Kornanlagen führt gerade bei diesen zu Verdünnungseffekten, der Anteil der Nichtkleberproteine Albumin und Globulin hingegen steigt – die Teig- und Volumenausbeute sinkt! In Tab. 2 wird die Stickstoffaufnahme für zwei Produktionsziele geschätzt. Im Beispiel wird der 2% höhere Proteingehalt des Eliteweizens Genius mit etwa 10% geringeren Erträgen gegenüber der ertragsstarken B-Sorte Kredo „erkauft“.

N-Aufnahme E-Weizen nach Produktionsziel
N-Aufnahme E-Weizen nach Produktionsziel

Eliteweizen entzieht bei dieser Konstellation lediglich 10 kg N/ha mehr, 260 statt 250 kg N/ha. Unterschiede sind in der Dynamik der N-Aufnahme angedeutet: Der Ertragsweizen Kredo soll und kann relativ etwas mehr N in den vegetativen Apparat investieren, der Eliteweizen Genius benötigt in den späteren Wachstumsstadien vergleichsweise mehr Stickstoff.

Düngung Frühjahr 2011
Aufgrund der verzögerten Aussaat hat der Weizen an der Küste meist erst Anfang Oktober gekeimt, im norddeutschen Binnenland bis Mitte des Monats, in Süd- und Westdeutschland verbreitet erst ab Anfang November.

N-Düngung Genius
N-Düngung Genius
Das Düngungsbeispiel in Tab. 3 berücksichtigt die sehr unterschiedliche Vorwinterentwicklung dieses Jahres:

  • Schwache Vorwinterentwicklung –> Förderung des Ertrags
    Spätgesäter Weizen entwickelt weniger Triebe und Körner/Ähre, wächst also schon von Natur aus weniger in den Ertrag und mehr ins Protein. Auch profitieren diese Bestände mehr von der späten N-Bodennachlieferung. Die Höhe der Startgabe ist in solchen Beständen weniger entscheidend, zumal bei den meist höheren Nmin-Werten. Wichtig ist vielmehr eine frühe Andüngung mit schnellwirkendem Nitrat, das zu diesem Zeitpunkt ausgebracht auch entwicklungsbeschleunigend wirkt. Mit der 1b-Gabe zum Bestockungsende kann wirksam der Triebreduktion entgegengewirkt werden, auch der Schwefel sollte jetzt ausgebracht sein. Die Schossergabe kann bereits zum Einknotenstadium fallen. Auch die Spätgabe sollte bei einer spätbestellten frühen Sorte eher zeitig zum letzten Blatt ausgebracht werden, bei mittlerer Ertragserwartung sind 70–80 kg/ha zu vertreten.
  • Kräftige Vorwinterentwicklung -> Förderung des Proteingehalts
    Strategisches Ziel der N-Düngung ist hier nicht die zusätzliche Förderung des vegetativen Wachstums. Bei normaler Witterung starten Frühsaaten bereits voll bestockt in die Vegetation. Übermäßige Startgaben, zumal mit wuchstreibendem Nitrat, bremsen die notwendige Triebreduktion. Unter Berücksichtigung der geringeren Nmin-Werte kann solch ein Bestand etwa 20 kg/ha knapper angedüngt werden, zumal die kräftige Durchwurzelung eine sehr hohe N-Ausnutzung erwarten lässt. Der gewaltige Hunger kommt in solchen Beständen zur „großen Periode“ ab Schossbeginn, in nur drei bis vier Wochen nimmt der Bestand 80–90kg N/ha auf. Die Schossergabe darf deshalb nicht zu knapp, soll jedoch eher später fallen, um den notwendigen Reduktionsprozessen nicht unnötig entgegenzuwirken. Die Betonung der Stickstoffdüngung liegt in der Spätgabe, nur so sind bei hohen Erträgen zufriedenstellende RP-Gehalte zu erwarten. Je nach Ertragserwartung können hier bis zu 90kg N, im Einzelfall sogar 100kg/ha fallen; ein kleiner Teil davon auch flüssig zusammen mit den letzten Behandlungsmaßnahmen. EC 49 bis 55 haben sich für die Abschlussgabe auf wüchsigen Versuchen als optimale Düngungstermine hinsichtlich Ausnutzung und Proteinwirkung herausgestellt. Zu späten Terminen sind hohe Nitratgaben eher kritisch zu sehen, weil sie aufgrund ihrer vitalisierenden Wirkung die notwendigen Umlagerungsprozesse verzögern können (Bauer 2010).

Fazit
Moderne, proteinreiche E-Weizensorten im Typ Genius können gegenüber den herkömmlichen E(9)-Sorten Monopol und Bussard durchaus intensiver geführt werden und sind damit auch für Standorte mit hoher Ertragserwartung interessant. Gegenüber A- oder B-Sorten muss das N-Düngungsniveau lediglich geringfügig erhöht werden. Wichtiger ist es, die Einlagerung der wertvollen Kleberproteine im Endosperm über eine Bestandesführung zu unterstützen, die übermäßig hohe Korndichten vermeidet und so die Einzelkornausbildung unterstützt. Bausteine hierfür sind eine nicht zu frühe und nicht zu dichte Saat sowie eine eher spätgabenbetonte N-Düngung mit dem Ziel starker Einzelähren mit hoher Anziehungskraft für Assimilate.

Sven Böse


1) Mulan, Kredo, Hyland, Hymack, Tommi, Akratos
2) Berechnung: dt/ha Korn-TM x RP % i. TM/5,7 + dt/ha Stroh-TM x 0,5 + Wurzel-N (+ 10 %)

Stand: 21.12.2010