Aktuelle Ausgabe 02/2022

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Insgesamt umfasst der aktuelle Zulassungsjahrgang 27 neue Wintergetreidesorten – überraschend ist hier die geringe Zahl von 7 Neuzulassungen im Winterweizen und nur eine im Winterroggen. Jan Röttjer, Produktmanager Getreide, diskutiert einige der besonders interessanten Neuzugänge.

Die drei Prüfjahre 2019–2021 stellten die geprüften Kandidaten vor unterschiedlichste Herausforderungen. Vielerorts war der Getreideanbau in diesem Zeitraum von Frühjahrs­trockenheit betroffen. Das Erntejahr 2019 begann schon mit einer trockenen Herbstaussaat und war darüber hinaus ähnlich heiß wie 2018. In das Erntejahr 2020 startete unser Getreide in vielen Regionen mit „nassen Füßen“. Besonders im Norden und im Westen Deutschlands fiel in der relevanten Zeit von September bis Mitte November übermäßig viel Niederschlag – viele Teile des Ostens der Republik sahen aber erneut zu wenig Wasser. Auf den nassen Herbst folgte einer der mildesten gemessenen Winter, darauf dann erneute Frühjahrstrockenheit sowie ein später Kälteeinbruch, welcher besonders manchen frühen Sorten zu schaffen machte. Der Start in die Saison 2020/2021 verlief größtenteils „normal“, die ersten Monate des neuen Jahres waren zuerst durch einen starken Wintereinbruch mit tiefen Minusgraden und viel Schnee gekennzeichnet. Hierauf folgte eine Periode mit erhöhten Temperaturen, bevor es dann ab April bis weit in den Mai hinein ungewöhnlich kühl blieb. Der Sommer war geprägt durch viel Niederschlag – dies resultierte sowohl in vermehrtem Lagerdruck als auch in erhöhtem Fusariumrisiko im Weizen. Häufig wurde auch, bedingt durch ein Sonnenstrahlungsdefizit, von Problemen in der Kornqualität bzw. beim Hektolitergewicht bei Weizen und Gerste berichtet.

Die nun zugelassenen Sorten haben also in ihren Prüfjahren viele verschiedene „Umwelten“ erlebt und man darf daher annehmen, dass sie ein recht hohes Maß an Ertragsstabilität besitzen. Die im Folgenden beschriebenen Sorteneinschätzungen beruhen auf den Veröffent­lichungen des Bundessortenamtes aus März 2022.


Beachtenswerte EU-Zulassung: Amaranta, mehrfachresistent und leistungsstark
Beachtenswerte EU-Zulassung: Amaranta, mehrfachresistent und leistungsstark
Wintergerste

2022 wurden mit KWS Exquis (mehrzeilig) sowie LG Caiman (zweizeilig) erneut Sorten mit einer Resistenz gegenüber dem Gerstengelbverzwergungsvirus (BYDV) zugelassen. In Frankreich gehört diese Resistenz schon zum Standard und auch hier rücken solche Sorten zunehmend in den Fokus. Die neuen Generationen der BYDV-resistenten Sorten bieten im Falle eines Befalls eine Ertragsversicherung, zeigten aber auch ohne Befall Ertrag auf hohem Niveau.

Mehrzeilig

Die Ertragsspitze des Zulassungsjahrs bilden in diesem Jahr zwei neue Sorten der DSV: Julia (Kornertrag Ausprägungsstufe (APS) St. 1: 9/St. 2: 9) und Avantasia (APS 8/9) letztere hat jedoch eine Schwäche bei Zwergrost. Gleich drei Mehrzeiler des Jahrgangs fallen durch ein erhöhtes Hektolitergewicht (APS 6) auf: Winnie von der Saatzucht Breun, KWS Exquis (KWS) sowie RGT Mela von WvB Eckendorf. Von diesem Züchter stammt auch die Neuzulassung SU Hetti, die eine bisher nie da gewesene Kombination aus einer extrem niedrigen Neigung zu Lager und Halmknicken (APS 2/2), einer guten Knickfestigkeit der Ähre (APS 4) mit hohen bis sehr hohen Erträgen kombiniert (APS 8/8). Auch ihre Sortierung ist mit jeweils der Bestnote bei Marktware und Vollgerste ungeschlagen.


SU Hetti, Neigung zu Lager, Feldbonituren; zur besseren Ansicht bitte Anklicken

SU Hetti, Neigung zu Lager, Feldbonituren; zur besseren Ansicht bitte Anklicken


Zweizeilig

Für das Zweizeiler-Segment stehen ab diesem Jahr sieben neue Sorten zur Verfügung. Die ertragsstärkste Sorte des Jahrgangs ist KWS Tardis, die zudem gute Stroheigenschaften mitbringt, wie auch die Sorte Heroic der Secobra.

Die Sorte Aros von Sejet zeichnet sich durch eine sehr ausgewogene, gute Resistenzausstattung aus. Die von Ackermann Saatzucht gezüchtete Sorte Royce besticht durch ein ähnlich ausgewogenes Profil. Auch die neue Sorte von Limagrain, LG Calvin, leistet sich in puncto Strohstabilität und Gesundheit keine Schwächen. Interessant sind die Eigenschaftskombinationen der Sorte SU Xandora des Züchterhauses Ackermann Saatzucht. SU Xandora hat nur eine geringe Neigung zu Halm- und Ährenknicken (APS 3/3) und verfügt über eine ausgewogene Gesundheit besonders bezüglich Rhynchosporium und Zwergrost. Diese Eigenschaften sichern die hohen Erträge (APS 8/ APS 7) und Kornqualitäten (Marktware APS 8/Vollgerste APS 8/HL-Gewicht APS 7) ab.


Winterweizen

SU Willem zeichnet eine Top Blattgesundheit aus
SU Willem zeichnet eine Top Blattgesundheit aus

Im Winterweizen gab es für den konventionellen Bereich fünf Neuzulassungen, die sich durch mittlere bis gute Standfestigkeit auszeichnen. Vier der fünf neuen Sorten sind zudem proteinstarke A-Weizen mit mittelhohen bis hohen Erträgen. Nur der frühe B-Weizen Debian von der DSV sticht mit sehr hohen Erträgen (St. 1: 8/St. 2: 9) heraus. Für Limagrain zugelassen wurde der ertragsstarke A-Weizen LG Atelier, die Neuzulassung mit den höchsten Proteingehalten ist der gesunde A-Weizen KWS Mitchum. Für Strube Research wurden gleich zwei neue Sorten zugelassen: Die Sorte Cayenne überzeugt durch ein sehr ausgewogenes Gesamtpaket mit erhöhtem Protein (APS 5) und insgesamt guten Qualitätseigenschaften. Absint fällt insbesondere durch die Kombination aus geringer Lagerneigung (APS 3), kurzem Stroh (APS 3), sowie die gute Fusariumnote (APS 4) auf.

Eine Besonderheit stellt SU Willem von WvB Eckendorf dar. Zwar ist die Sorte noch nicht final zugelassen, ihr landeskultureller Wert wurde vom Bundessortenamt allerdings schon bestätigt. SU Willem ist der ertragreichste A-Weizen der Prüfperiode 2019–2021. Hinzu kommt eine abgerundete Blattgesundheit sowie ein erhöhtes Tausendkorngewicht. Mit der offiziellen Beschreibung und Zulassung wird im Sommer gerechnet.


Winterroggen

Nur die Sorte SU Glacia von der Hybro Saatzucht wurde zugelassen. Die Sorte besticht durch eine sehr gute Blattgesundheit mit APS 3 bei Braunrost und APS 4 bei Rhynchosporium. Während der sehr wechselhaften Prüfjahre 2019 bis 2021 konnte sich die Sorte durch ein hohes Ertrags­niveau (8/8) auszeichnen. Diese Resistenzausstattung erweist sich vor dem Hintergrund des Green Deal und anderer politischer Rahmenbedingungen als ein wichtiger Baustein und kann so zu der in Zukunft geforderten Minimierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes einen wichtigen Beitrag leisten.


Anfälligkeit gegen Roggen und Braunrost SU Glacia

Anfälligkeit gegen Roggen und Braunrost SU Glacia


Späths Albrubin: Neue Vermarktungschancen durch rote Körner
Späths Albrubin: Neue Vermarktungschancen durch rote Körner
Winterspelzweizen

Vier Kandidaten kamen zur Zulassung: Badenglanz (ZG Raiffeisen eG), Alboretto (Dr. Berthold Alter), Stauferpracht (PZO Pflanzenzucht Oberlimpurg) und Späths Albrubin (Südwestdeutsche Saatzucht). Von wichtigen deutschen Dinkelverarbeitern wird immer wieder betont, dass eine gute Kernausbeute von Dinkelsorten fast ebenso entscheidend ist wie die Ertragsstabilität. Späths Albrubin besitzt die mit Abstand höchste Kernausbeute der Neuzulassungen und darüber hinaus verschaffen rote Körner ein neues Vermarktungsfeld.


Beachtenswerte EU-Neuzulassung: Wintersonne
Beachtenswerte EU-Neuzulassung: Wintersonne
Winterhartweizen

Ebenso wie im Dinkel wächst auch das Sortenangebot bei Winterdurum. Winterstern (Südwestdeutsche Saatzucht) und Limbodur (Hauptsaaten) haben in Deutschland offiziell eine Zulassung erhalten. Beim Hartweizen-Anbau wird häufig auf eine höhere Fusariumanfälligkeit gegenüber Weichweizen hingewiesen. Jüngste Daten vom Bundessortenamt zeigen jedoch, dass einige Neuzüchtungen beim Winterdurum mittlerweile auf dem Niveau fusariumresistenter Weichweizensorten liegen. Daher kommen vereinzelte Winterdurum-Sorten auch für „Durumuntypischere“ Anbaugebiete und den ökologischen Landbau infrage.

Fotos: SAATEN-UNION

Stand: 27.04.2022