Aktuelle Ausgabe 04/2018

Ausgaben

Sonderausgaben

Themen

Impressum

Datenschutzerklärung

„Bei Stress ist Hybridweizen einfach unschlagbar und deshalb brauchen wir diesen Weizen,” dieser festen Überzeugung ist Dr. Ralf Schachschneider, Saatzuchtleiter bei der Nordsaat in Langenstein. Dabei ist die Erzeugung von Hybridsaatgut diffizil und risikoreich, vielleicht ein Grund dafür, dass so viele „Große“ der Züchterbranche im Laufe der Jahrzehnte die Finger davon gelassen haben. „Die Biologie lässt sich eben nicht kaufen,“ so Schachschneider, „man muss sie erkennen, um sie wirklich nutzen zu können." Ralf Schachschneider ist ganz nah dran an dieser Biologie und hat dem engagierten Züchter über die Schulter geschaut.

„Sinn der Pflanzenproduktion und Aufgabe der Züchtung ist es, das Quantum der chemisch gebundenen Energie, die wir auf dem Acker ernten, zu maximieren.“ Dr. Ralf Schachschneider
„Sinn der Pflanzenproduktion und Aufgabe der Züchtung ist es, das Quantum der chemisch gebundenen Energie, die wir auf dem Acker ernten, zu maximieren.“ Dr. Ralf Schachschneider
Grundlage der Hybridzüchtung ist es, leistungsfähige Vater- und Mutterlinien so miteinander zu kreuzen, dass die Leistung der Nachkommen über den Mittelwert der Eltern hinausgeht. In diesem so genannten „Heterosiseffekt“ steckt der große Nutzen für den Landwirt. Der Weizen als Selbstbestäuber würde diese Fremdbefruchtung aber nicht freiwillig durchführen, denn als Selbstbestäuber ist er im Grunde seiner Natur autark. Aufgabe des Züchters ist es nun, der Biologie ein Schnippchen zu schlagen, das Blühverhalten des Weizens zu beeinflussen und aus überzeugten Singles gute Partner zu machen. Er tut dies bei der Saatgutproduktion, indem er in einer Sorte, die als mütterliche Linie dient, die männlichen Teile der Blüte mit einem so genannten Gametozid sterilisiert. Diese Pflanze ist nun auf andere Bestäubungspartner angewiesen und bereit, auch den Pollen fremder männlicher Linien aufzunehmen.

Ohne Linie keine Hybride
Nicht jede Liniensorte aber ist für die Hybridzüchtung geeignet. In die engere Wahl kommen nur solche mit besten Eigenschaften hinsichtlich Ertrag, Qualität und Resistenz. Auch müssen sie eine gute Kombinationseignung sowie die Fähigkeit zur F1-Produktion aufweisen. Für die väterliche Linie sind das z.B. die Bestäubereignung oder eine gute Pollenflugfähigkeit, zudem müssen die Blühtermine männlicher und weiblicher Linien zusammen passen. Bei der Nordsaat werden jährlich ca. 2.000 neue Linien auf ihre Hybrideignung geprüft, nur etwa 50 davon werden als potenzielle Eltern ausgewählt.

Basis jeder Hybridzüchtung ist deshalb eine hoch entwickelte Linienzüchtung. Prominentes Beispiel aus dem Hause Nordsaat ist die Sorte HYBNOS 1, dem von TRINTELLA mütterlicherseits der sehr hohe Kornertrag und väterlicherseits von PIKO allerbeste Resistenzeigenschaften in die Wiege gelegt wurden.


 

Sechs bis sieben Jahre dauert es, bevor der Züchter erkennt, ob er eine wirklich gute Linie entwickelt hat. Bei der Nordsaat beginnt die Selektion auf kleinsten Parzellen, auf die Prüfung einer möglichst breiten Gen-Vielfalt wird dabei größter Wert gelegt.
In so genannten Crossing-Blöcken werden 2.500 Experimentalhybriden getestet. Auf sechs bis acht Metern breiten Streifen wird jeweils eine mütterliche Linie, daneben auf etwa drei bis sechs Meter die väterliche Linie ausgesät. Schutz vor unerwünschtem Pollenflug bieten Triticale-Streifen. Pro Jahr werden so 30 Väter mit bis zu 200 Müttern in ca. 30 Crossing-Blöcken zusammengebracht. Von den 2.500 Experimentalhybriden gelangen ca. 500 in die Leistungsprüfung ins nächste Jahr, davon wiederum nur 50 ins Folgejahr. Nur zwei oder drei Sorten schaffen es dann bis zur amtlichen Wertprüfung.
Die Sterilisation in den Crossing-Blöcken erfolgt mittels eines Gametozids, das mit einer Spezialmaschine ausgebracht wird.

Mittels Kontrolltüten wird die männliche Sterilität der weiblichen Linie überprüft.

Die männlich sterilisierten Pflanzen öffnen weit ihre Blüten, um Flugpollen besser aufnehmen zu können.

Die eigentliche Saatgutproduktion (im Streifenanbau) erfolgt in Frankreich, da nur dort das sehr teure amtliche Verfahren für die Zulassung des Gametozids durchgeführt wurde. Man hofft, dass über die EU-Harmonisierung auch die Gametozid-Anwendung in Deutschland möglich werden wird.

Hybriden beweisen ihre relative Vorzüglichkeit vor allem unter Stressbedingungen durch gesteigerte physiologische Aktivität. Dazu gehören höhere Wurzelleistung, besseres Wasseraneignungsvermögung, sehr hohe Regenerationsfähigkeit, gute Toleranzen im Resistenzbereich, sehr hohe Toleranz gegen Fusarium. Nicht umsonst werden Hybriden mit wachsendem Erfolg unter den schwierigen Bedingungen im Nordosten der Bundesrepublik angebaut.

 

 


 

 


 

Stand: 02.02.2011